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Glaukom - Formen, Diagnose & Behandlung

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Glaukom


Glaukom (umgangssprachlich „Grüner Star“) ist keine einzelne Erkrankung, sondern eine Gruppe chronischer (seltener akuter) Augenerkrankungen, bei denen der Sehnerv schrittweise geschädigt wird. Das Tückische: Die Erkrankung kann über Jahre nahezu symptomlos verlaufen, während das Gesichtsfeld bereits langsam enger wird. Was einmal verloren ist, kommt nicht zurück – deshalb ist Glaukom weltweit eine der wichtigsten Ursachen für irreversible Erblindung. Der gute Teil der Nachricht: Wenn Glaukom früh erkannt wird, lässt sich das Fortschreiten in vielen Fällen bremsen oder stoppen – durch konsequente Kontrollen und eine individuell passende Drucksenkung. (eugs)

Im Kern dreht sich die Therapie fast immer um ein Prinzip: Senkung des Augeninnendrucks (IOD) – auch dann, wenn der Druck „normal“ erscheint, denn manche Menschen entwickeln ein Normaldruckglaukom. Neben dem Druck spielen jedoch auch Durchblutung, individuelle Empfindlichkeit des Sehnervs, Hornhautdicke und Begleiterkrankungen eine Rolle. Moderne Leitlinien (u. a. EGS, NICE, AAO) empfehlen deshalb eine risikoorientierte Diagnostik, ein definiertes Ziel-IOD und eine strukturierte Verlaufskontrolle (Sehnerv, OCT, Gesichtsfeld). (oogheelkunde.org)


1) Welche Glaukom-Formen gibt es? (Überblick mit Praxisbezug)

1.1 Primäres Offenwinkelglaukom (POAG)

Das häufigste Glaukom in Europa. Der Abfluss des Kammerwassers ist funktionell gestört, der „Kammerwinkel“ ist aber offen. Der Augeninnendruck kann erhöht sein, muss es aber nicht. Typisch ist der schleichende Verlauf: Erst spät fällt auf, dass das Gesichtsfeld eingeschränkt ist. (AAO)

1.2 Normaldruckglaukom (NTG)

Hier entstehen glaukomtypische Sehnervschäden trotz normaler IOD-Werte. Mögliche Mitfaktoren sind Durchblutungs-/Perfusionsprobleme, niedriger Blutdruck in der Nacht, vasospastische Neigung (z. B. Migräne) u. a. Auch hier ist die IOD-Senkung therapeutisch zentral, häufig braucht es aber besonders sorgfältige Verlaufskontrollen. (oogheelkunde.org)

1.3 Engwinkelglaukom / Winkelblock (Angle-Closure Disease)

Hier ist der Kammerwinkel anatomisch eng oder blockiert. Das kann chronisch verlaufen oder akut als augenärztlicher Notfall auftreten. Ein akuter Winkelblock geht oft mit starken Schmerzen, rotem Auge, Sehverschlechterung, Halos um Lichtquellen, Übelkeit/Erbrechen einher. In diesem Fall zählt Zeit: rasche Drucksenkung und definitive Maßnahmen (häufig Laser-Iridotomie) sind entscheidend. (NICE)

1.4 Sekundäre Glaukome

Glaukom kann auch Folge anderer Ursachen sein, z. B. Pseudoexfoliationssyndrom (PEX), Pigmentdispersion, Entzündungen (Uveitis), Trauma, Kortison (Steroid-Response) oder Neovaskularisation. Das ist klinisch wichtig, weil die Therapie oft zusätzlich die Grundursache adressieren muss. (oogheelkunde.org)


2) Risikofaktoren und Warnsignale – was Patient:innen wissen sollten

Risikofaktoren (typisch): höheres Alter, familiäre Belastung, erhöhter Augeninnendruck, Myopie, bestimmte ethnische Risiken, PEX, dünne Hornhaut (als Risikomarker), vaskuläre Faktoren (z. B. Perfusionsdruck) und teils Diabetes/weitere Begleiterkrankungen. In der Praxis ist besonders die Kombination aus Alter + Familienanamnese + IOD + Sehnerv-/OCT-Befund richtungsweisend. (JOGH)

Symptome: Das chronische Offenwinkelglaukom macht anfangs oft keine Beschwerden. Es gibt daher keinen verlässlichen „Selbsttest“. Wenn Beschwerden auftreten (z. B. merkliche Gesichtsfeldausfälle), ist die Erkrankung häufig schon weiter fortgeschritten. Anders beim akuten Winkelblock: hier können Schmerzen, rotes Auge, Übelkeit und rasche Sehverschlechterung auftreten – ein Notfall. (AAFP)


3) Diagnose: Welche Untersuchungen sind wirklich entscheidend?

Eine Glaukomdiagnose basiert nicht auf einem einzelnen Wert, sondern auf dem Gesamtbild aus Druck, Sehnervstatus und Funktion (Gesichtsfeld). Leitlinien betonen dabei standardisierte Messungen und Verlaufskontrollen. (oogheelkunde.org)

Typische Bausteine:

  • Augeninnendruck (Tonometrie): wichtig, aber allein nicht ausreichend (Stichwort NTG).

  • Gonioskopie: Beurteilung des Kammerwinkels (offen vs. eng/verschlussgefährdet).

  • Sehnervbeurteilung (Papille): z. B. Excavation, Randsaum, Blutungen.

  • OCT (Nervenfaserschicht/RNFL, Ganglienzellkomplex): strukturelle Frühzeichen und Verlauf.

  • Perimetrie (Gesichtsfeld): funktionelle Einschränkungen, Progression.

  • Hornhautdicke (Pachymetrie): beeinflusst IOD-Messung und Risikoprofil.

  • Dokumentation/Progressionsanalyse: weil Therapieanpassungen oft auf Progression basieren. (oogheelkunde.org)

Praxis-Hinweis: Häufig kommt es in der Versorgung weniger auf „den einen perfekten Termin“ an, sondern auf gute Basisdiagnostik plus vergleichbare Verlaufsmessungen (gleiche Geräte/Methodik), damit echte Veränderungen zuverlässig erkannt werden.


4) Behandlung: Tropfen, Laser, OP – was wann sinnvoll ist

Ziel ist, das Fortschreiten zu verhindern – indem man den Augeninnendruck auf einen individuellen Zieldruck senkt. Dieser Zieldruck hängt ab von Ausgangsdruck, Sehnervschaden, Progressionsgeschwindigkeit und zusätzlichen Risikofaktoren. (oogheelkunde.org)

4.1 Augentropfen (medikamentöse Drucksenkung)

In vielen Fällen starten Ärzt:innen mit Tropfen – häufig mit Prostaglandin-Analoga als sehr wirksamer Option. Je nach Bedarf kommen weitere Wirkstoffklassen hinzu (Betablocker, Carboanhydrasehemmer, Alpha-Agonisten, ggf. weitere). Entscheidend ist die Adhärenz: Viele Therapieversager sind in Wahrheit Anwendungs- oder Regelmäßigkeitsprobleme. NICE empfiehlt ausdrücklich, die Tropftechnik zu demonstrieren und zu überprüfen. (NICE)

Typische Stolpersteine: Brennen/Hyperämie, trockene Augen, Konservierungsmittel-Unverträglichkeit, komplexe Tropfpläne, „ich vergesse es“. Hier helfen Vereinfachung, Erinnerungsstrategien und ggf. konservierungsmittelfreie Präparate (je nach individueller Situation).

4.2 Laser: Selektive Lasertrabekuloplastik (SLT)

SLT kann den Druck senken, ohne dass täglich getropft werden muss. In aktuellen Empfehlungen wird SLT häufig als geeignete Erstlinienoption oder Alternative genannt (abhängig von Versorgungskontext, Präferenz und Eignung). (NICE)

4.3 Operative Verfahren

Wenn Tropfen/Laser nicht ausreichen oder das Glaukom fortgeschritten ist, kommen Operationen in Betracht. Klassisch sind Trabekulektomie (häufig mit Antifibrotika) oder Drainage-Implantate (Tubes). Daneben gibt es MIGS (minimalinvasive Verfahren), die je nach Situation eine Option sein können. Die Auswahl richtet sich nach Glaukomform, Schweregrad, Ziel-IOD und individuellen Risiken. (Thieme Connect)

4.4 Speziell beim Engwinkelglaukom

Beim akuten Winkelblock zählt die schnelle Drucksenkung (medikamentös/laser/operativ je nach Setting) und anschließend eine definitive Lösung des Abflussproblems, häufig mittels Laser-Iridotomie. Das gehört umgehend in augenärztliche Behandlung. (AAFP)


5) Nachsorge: Warum regelmäßige Kontrollen so wichtig sind

Glaukom ist meist eine Langzeiterkrankung. Therapie bedeutet nicht nur „Tropfen nehmen“, sondern regelmäßig messen, ob der Zieldruck erreicht ist und ob der Sehnerv stabil bleibt. Kontrollintervalle hängen vom Risiko und der Stabilität ab (früh/instabil häufiger, stabil später ggf. seltener). NICE gibt hierfür strukturierte Reassessments und Zeitfenster vor. (NICE)

Merksatz: Nicht jeder Druck ist „gut“, wenn der Sehnerv weiter schlechter wird – und nicht jede geringe Veränderung im Gesichtsfeld ist „echtes Fortschreiten“. Deshalb sind wiederholte, qualitativ gute Messungen und eine saubere Verlaufsanalyse so wertvoll.


Gesundheits-Doc Empfehlung

Wenn in deiner Familie Glaukom vorkommt, du über 40–50 bist, starke Kurzsichtigkeit hast oder dein Augenarzt einmal erhöhte Druckwerte/auffällige Sehnervbefunde erwähnt hat, lohnt sich eine konsequente, strukturierte Kontrolle. Glaukom ist oft still – aber gut behandelbar, wenn man es früh erkennt und die Therapie zuverlässig umsetzt. (AAO)


👉 Mach den 3-Punkte-Check: (1) Familienanamnese? (2) letzte Augen-Druckmessung/Sehnervkontrolle? (3) Tropfen regelmäßig und richtig?👉 Teile diesen Beitrag mit Angehörigen – besonders, wenn in der Familie Glaukom bekannt ist oder jemand „eigentlich nie zum Augenarzt geht“.


FAQ (6 häufige Fragen)

1) Ist Glaukom dasselbe wie „Grauer Star“? Nein. Grauer Star (Katarakt) ist eine Linsentrübung und operativ gut behandelbar. Glaukom betrifft den Sehnerv; Schäden sind meist irreversibel, daher zählt Früherkennung. (oogheelkunde.org)

2) Kann ich Glaukom an Symptomen merken? Beim chronischen Offenwinkelglaukom häufig lange nicht. Symptome treten oft erst spät auf. Ausnahme: akuter Winkelblock mit Schmerzen/rotem Auge/Übelkeit – Notfall. (AAFP)

3) Reicht ein „normaler“ Augeninnendruck aus, um Glaukom auszuschließen?Nein. Es gibt Normaldruckglaukom. Entscheidend sind Sehnerv/OCT/Gesichtsfeld und der Verlauf. (oogheelkunde.org)

4) Sind Augentropfen lebenslang nötig? Häufig ja, zumindest langfristig. Alternativ/ergänzend kann SLT oder eine OP infrage kommen. Ziel ist immer: Progression verhindern. (NICE)

5) Was ist SLT – und ist das besser als Tropfen? SLT ist eine Laserbehandlung am Trabekelwerk zur Drucksenkung. Sie kann als Erstlinie oder Alternative geeignet sein – abhängig von Situation und Präferenz. (NICE)

6) Welche Kontrollen sind am wichtigsten? Augendruck plus Sehnervstatus (OCT/Papille) und Gesichtsfeld, idealerweise als Verlaufsmessungen. Gonioskopie ist wichtig, um Engwinkelprobleme zu erkennen. (oogheelkunde.org)


Quellenbox (Auswahl)
  • European Glaucoma Society (EGS): Terminology and Guidelines for Glaucoma – 5th edition (2020) (PDF) (oogheelkunde.org)
  • NICE Guideline NG81: Glaucoma: diagnosis and management (zuletzt überprüft 26.03.2025) (NICE)
  • American Academy of Ophthalmology (AAO): Primary Open-Angle Glaucoma Preferred Practice Pattern (PPP) (AAO)
  • AAFP Überblick: Glaucoma: Diagnosis and Management (inkl. Winkelblock als Notfall) (AAFP)
  • Aktuelle Burden-Analysen (GBD-basiert, 2025/2026) (PMC)

Die auf der Seite Gesundheits-Doc wiedergegebenen Inhalte dienen der allgemeinen Information zu gesundheitsbezogenen Themen und ersetzen keine ärztliche Konsultation.


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