Johanniskraut – Auch für mich sinnvoll?
- Gesundheits-Doc
- 23. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
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Johanniskraut (Hypericum perforatum) zählt zu den bekanntesten pflanzlichen Arzneimitteln. Viele Menschen greifen darauf zurück, wenn sie sich niedergeschlagen, antriebslos oder innerlich unruhig fühlen – oft in der Hoffnung auf eine „sanfte“ Alternative zu klassischen Antidepressiva. Tatsächlich ist Johanniskraut eines der bestuntersuchten Phytopharmaka in der Behandlung leichter bis mittelgradiger depressiver Episoden. Gleichzeitig gibt es relevante Wechselwirkungen und Risiken, die häufig unterschätzt werden. Dieser Beitrag ordnet ein, wann Johanniskraut sinnvoll sein kann – und wann nicht.
Was ist Johanniskraut und wie wirkt es?
Johanniskraut ist eine Heilpflanze, deren wirksame Bestandteile vor allem Hypericin, Hyperforin und Flavonoide sind. Diese Substanzen beeinflussen Botenstoffe im Gehirn, insbesondere Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Dadurch kann sich die Stimmung stabilisieren, der Antrieb verbessern und innere Unruhe abnehmen.
Im Unterschied zu vielen frei verkäuflichen Nahrungsergänzungsmitteln handelt es sich bei Johanniskrautpräparaten (in ausreichender Dosierung) um zugelassene Arzneimittel. Ihre Wirkung tritt nicht sofort ein, sondern entwickelt sich – ähnlich wie bei Antidepressiva – meist über 1–3 Wochen.
Bei welchen Beschwerden kann Johanniskraut helfen?
Die beste wissenschaftliche Evidenz besteht für:
Leichte bis mittelgradige depressive Episoden
Depressive Verstimmungen mit Antriebsmangel, Schlafstörungen oder innerer Unruhe
Teilweise bei Angst- und Spannungszuständen (nicht als Monotherapie bei Angststörungen)
Studien und Metaanalysen zeigen, dass standardisierte Johanniskraut-Extrakte bei diesen Indikationen wirksamer als Placebo und in der Wirksamkeit vergleichbar mit niedrig dosierten Antidepressiva sein können – bei oft besserer Verträglichkeit.
Wichtig: Für schwere Depressionen, akute Suizidalität oder psychotische Symptome ist Johanniskraut nicht geeignet.
Dosierung, Präparate und Qualitätsunterschiede
Entscheidend für die Wirksamkeit ist die richtige Dosierung und Präparatequalität. Wirksamkeitsnachweise beziehen sich auf standardisierte Extrakte, meist in einer Tagesdosis von 600–900 mg (je nach Extrakt).
Nicht empfehlenswert sind:
niedrig dosierte Produkte
nicht standardisierte Nahrungsergänzungsmittel
selbst gesammeltes oder als Tee zubereitetes Johanniskraut (unzureichende Wirkstoffmenge)
Ein weiterer Punkt: Die Einnahme sollte regelmäßig und ausreichend lange erfolgen (mindestens 4–6 Wochen), um den Effekt beurteilen zu können.
Risiken und Nebenwirkungen: Was Du wissen solltest
Johanniskraut gilt grundsätzlich als gut verträglich. Mögliche Nebenwirkungen sind:
Magen-Darm-Beschwerden
Müdigkeit oder Unruhe
Kopfschmerzen
Photosensibilität (erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut)
Besonders wichtig sind jedoch die Wechselwirkungen: Johanniskraut aktiviert Leberenzyme (v. a. CYP3A4) und kann dadurch die Wirkung vieler Medikamente abschwächen. Betroffen sind unter anderem:
Hormonelle Verhütungsmittel („Pille“)
Blutverdünner (z. B. Phenprocoumon)
Immunsuppressiva
HIV- und Krebsmedikamente
Einige Antidepressiva (Risiko eines Serotonin-Syndroms)
Hier ist Vorsicht geboten – eine ärztliche Rücksprache ist unbedingt erforderlich.
Johanniskraut vs. Antidepressiva: Ein realistischer Vergleich
Johanniskraut ist kein Ersatz für Antidepressiva bei schweren Erkrankungen, kann aber bei leichten bis mittelgradigen Verläufen eine Option sein. Vorteile sind:
gute Verträglichkeit
geringeres Risiko klassischer Nebenwirkungen
positive Akzeptanz bei vielen Patient:innen
Nachteile:
relevante Wechselwirkungen
nicht für jede Depression geeignet
Wirkung nicht sofort und nicht garantiert
Die Entscheidung sollte individuell, unter Berücksichtigung der Symptomschwere, Begleiterkrankungen und Medikation getroffen werden.
Für wen ist Johanniskraut sinnvoll – und für wen nicht?
Sinnvoll kann Johanniskraut sein, wenn:
eine leichte bis mittelgradige depressive Verstimmung vorliegt
keine relevanten Wechselwirkungen bestehen
eine gute ärztliche Begleitung erfolgt
der Wunsch nach einer pflanzlichen Therapie besteht
Nicht geeignet ist Johanniskraut, bei:
schweren Depressionen
Suizidgedanken
gleichzeitiger Einnahme kritischer Medikamente
Schwangerschaft und Stillzeit (nur nach Rücksprache)
Eine offene ärztliche Beratung ist entscheidend, um Nutzen und Risiken abzuwägen.
Gesundheits-Doc Empfehlung
Johanniskraut kann bei ausgewählten Patient:innen eine wirksame und gut verträgliche Option sein – vorausgesetzt, es wird richtig eingesetzt. Wichtig sind eine klare Diagnose, die Wahl eines geprüften Präparats und die Beachtung möglicher Wechselwirkungen. „Natürlich“ bedeutet nicht automatisch „harmlos“.
👉 Selbst-Check: Handelt es sich bei Deinen Beschwerden eher um eine leichte Verstimmung oder eine ausgeprägte Depression?👉 Nächster Schritt: Sprich mit Deiner Hausärztin/deinem Hausarzt, bevor Du Johanniskraut einnimmst – und teile diesen Beitrag mit Menschen, die pflanzliche Alternativen erwägen.
FAQ – 6 häufige Fragen
1) Wirkt Johanniskraut wirklich gegen Depressionen? Ja, bei leichten bis mittelgradigen Verläufen ist die Wirksamkeit gut belegt.
2) Wie lange dauert es, bis eine Wirkung eintritt? Meist 1–3 Wochen, teils auch länger.
3) Ist Johanniskraut rezeptfrei? Ja, aber hochwertige, ausreichend dosierte Präparate sind apothekenpflichtig.
4) Kann ich Johanniskraut mit Antidepressiva kombinieren? Nur nach ärztlicher Rücksprache – es besteht Risiko für Wechselwirkungen.
5) Macht Johanniskraut abhängig? Nein, es besteht kein Abhängigkeitspotenzial.
6) Darf ich Johanniskraut in der Sonne einnehmen? Ja, aber Vorsicht bei starker Sonneneinstrahlung wegen möglicher Photosensibilität.
Quellenbox (Auswahl)
Cochrane Collaboration – Systematische Reviews zu Johanniskraut
Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte – Arzneimittelinformationen und Wechselwirkungen
European Medicines Agency – Bewertung pflanzlicher Arzneimittel
Übersichtsarbeiten in BMJ, The Lancet Psychiatry
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