SGLT-2-Hemmer: Mehr als Blutzucker – Nutzen für Herz und Niere verständlich erklärt
- Gesundheits-Doc
- 6. Jan.
- 5 Min. Lesezeit

SGLT-2-Hemmer (auch: SGLT2-Inhibitoren) waren ursprünglich „Diabetes-Medikamente“. Sie senken den Blutzucker, indem sie in der Niere die Rückaufnahme von Zucker hemmen – dadurch wird Glukose über den Urin ausgeschieden. Was die Medizin in den letzten Jahren besonders überrascht (und die Leitlinien verändert) hat: Diese Wirkstoffklasse kann Herz und Nieren schützen – oft auch unabhängig davon, wie stark der Blutzucker sinkt.
Heute werden SGLT-2-Hemmer in vielen Situationen eingesetzt, in denen früher kaum jemand an „Diabetes-Tabletten“ gedacht hätte: bei Herzinsuffizienz (auch ohne Diabetes) und bei chronischer Nierenerkrankung (CKD) als nierenprotektive Therapie. Große Studien und aktuelle Leitlinien unterstützen diesen Ansatz. (New England Journal of Medicine)
Dieser Artikel erklärt dir patientenverständlich:
was SGLT-2-Hemmer sind und wie sie wirken,
welche Vorteile sie für Herz und Niere haben,
welche Nebenwirkungen realistisch sind,
und worauf du in der Praxis achten solltest.
1) Was sind SGLT-2-Hemmer – und wie wirken sie?
SGLT-2 (Sodium-Glucose-Co-Transporter 2) ist ein Transporter in der Niere, der normalerweise einen großen Teil der gefilterten Glukose wieder „zurückholt“. SGLT-2-Hemmer blockieren diesen Mechanismus: Zucker wird vermehrt ausgeschieden – und mit ihm auch Wasser und etwas Natrium.
Typische Effekte:
leichte bis moderate Blutzuckersenkung (bei Typ-2-Diabetes),
Gewichtsabnahme (oft einige kg),
geringe Blutdrucksenkung,
günstigere Druckverhältnisse in den Nierenfiltern (Glomeruli).
Warum das Herz und die Niere profitieren, ist multifaktoriell (u. a. Entlastung durch leichte Diurese/Natriurese, verbesserte glomeruläre Hämodynamik, günstige metabolische Effekte). Wichtig: Der klinische Nutzen wurde vor allem durch große Outcome-Studien gezeigt – nicht nur durch Laborwerte. (New England Journal of Medicine)
2) Nutzen fürs Herz: weniger Krankenhaus, bessere Prognose
A) Herzinsuffizienz mit reduzierter Pumpfunktion (HFrEF)
Ein Meilenstein war die DAPA-HF-Studie: Dapagliflozin senkte bei HFrEF das Risiko für Verschlechterungen der Herzinsuffizienz und kardiovaskulären Tod – auch bei Menschen ohne Diabetes. (New England Journal of Medicine)Ähnlich zeigte EMPEROR-Reduced für Empagliflozin einen klaren Benefit bei HFrEF. (New England Journal of Medicine)
Was bedeutet das praktisch?SGLT-2-Hemmer zählen heute bei HFrEF zur leitliniengestützten Basistherapie (zusammen mit weiteren Herzinsuffizienz-Medikamenten), weil sie:
die Wahrscheinlichkeit von Herzinsuffizienz-Verschlechterungen senken,
Krankenhausaufenthalte reduzieren,
und in Summe die Prognose verbessern können. (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
B) Herzinsuffizienz mit erhaltener oder leicht eingeschränkter Pumpfunktion (HFpEF/HFmrEF)
Lange gab es für HFpEF kaum wirksame Medikamente. Hier haben SGLT-2-Hemmer eine Lücke geschlossen:
EMPEROR-Preserved (Empagliflozin) zeigte eine Reduktion des kombinierten Endpunkts aus kardiovaskulärem Tod oder Krankenhausaufenthalt wegen Herzinsuffizienz. (New England Journal of Medicine)
DELIVER (Dapagliflozin) bestätigte diesen Nutzen bei HFpEF/HFmrEF. (New England Journal of Medicine)
Die ESC hat SGLT-2-Hemmern im Focused Update 2023 eine Klasse-I-Empfehlung (Evidenzgrad A) für Herzinsuffizienz über das gesamte Spektrum der Ejektionsfraktion gegeben. (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
3) Nutzen für die Niere: „Nierenschutz“ als zentrale Stärke
A) Chronische Nierenerkrankung (CKD) – mit und ohne Diabetes
Zwei der wichtigsten Studien:
DAPA-CKD: Dapagliflozin reduzierte bei CKD das Risiko für einen kombinierten Nieren-Endpunkt (u. a. Progression bis hin zu Nierenversagen) und Tod – auch bei Patient:innen ohne Diabetes. (New England Journal of Medicine)
EMPA-KIDNEY: Empagliflozin senkte das Risiko für Progression der Nierenerkrankung oder kardiovaskulären Tod in einer breiten CKD-Population. (New England Journal of Medicine)
B) Was empfehlen Leitlinien?
Die KDIGO-Leitlinie 2024 empfiehlt SGLT-2-Hemmer bei CKD breit (u. a. ab eGFR-Schwellen um ≥20 ml/min/1,73 m² – abhängig von Albuminurie/Indikation). Sie betont auch: Ein anfänglicher, meist reversibler eGFR-Abfall nach Start ist häufig und nicht automatisch ein Grund zum Absetzen. (kdigo.org)
Auch die ADA-Standards (CKD-Kapitel) nennen SGLT-2-Hemmer als zentrale Maßnahme, um CKD-Progression und kardiovaskuläre Ereignisse bei Typ-2-Diabetes zu reduzieren – ebenfalls schon ab eGFR-Bereichen um 20. (diabetesjournals.org)
4) Für wen sind SGLT-2-Hemmer besonders sinnvoll?
Typische Einsatzgebiete (vereinfacht):
Typ-2-Diabetes + Herz-/Nierenrisiko (z. B. CKD, Herzinsuffizienz, hohes kardiovaskuläres Risiko) (diabetesjournals.org)
Herzinsuffizienz (HFrEF, HFmrEF, HFpEF) – teils auch ohne Diabetes (New England Journal of Medicine)
Chronische Nierenerkrankung – oft unabhängig vom Diabetesstatus, je nach eGFR/Albuminurie/Leitlinienkriterien (New England Journal of Medicine)
Wichtig: Ob ein konkretes Präparat bei dir passt, hängt von Diagnosen, eGFR, Begleitmedikation, Blutdruck/Volumenstatus und individuellen Risiken ab.
5) Risiken und Nebenwirkungen – realistisch eingeordnet
SGLT-2-Hemmer sind insgesamt gut etabliert, aber sie haben typische, gut erklärbare Nebenwirkungen.
Häufiger (meist gut behandelbar)
Genitale Pilzinfektionen (v. a. bei Frauen, auch bei Männern): durch mehr Zucker im Urin. Praktisch: frühe Behandlung, Hygiene, Risikofaktoren (z. B. wiederkehrende Mykosen) beachten.
Harndrang/mehr Wasserlassen, manchmal Durst.
Volumenmangel/Schwindel (v. a. bei niedrigem Blutdruck, zusätzlicher Diuretikatherapie, wenig Trinken, Hitze).
Wichtig, aber selten: Ketoazidose (auch „euglykämisch“ möglich)
Unter SGLT-2-Hemmern kann selten eine diabetische Ketoazidose auftreten – teils mit nicht extrem hohen Blutzuckerwerten. Die EMA betont Warnsymptome wie Übelkeit/Erbrechen, Bauchschmerzen, starke Müdigkeit, Atemnot, Verwirrtheit und rät bei solchen Zeichen zur sofortigen medizinischen Abklärung. (European Medicines Agency (EMA))
Typische Auslöser (Sick-Day-Situationen):
akute schwere Infekte, Fasten/strenge Diäten, starke Alkoholzufuhr,
perioperativ,
deutliche Reduktion von Insulin bei insulinpflichtigen Patient:innen.
Sehr selten, aber ernst: Fournier-Gangrän
Die FDA warnt vor sehr seltenen Fällen einer schweren Infektion im Genital-/Damm-Bereich (Fournier-Gangrän) unter SGLT-2-Hemmern. Bei starken Schmerzen, Rötung/Schwellung im Genitalbereich plus Fieber/Unwohlsein gilt: sofort ärztlich vorstellen. (U.S. Food and Drug Administration)
Amputationsrisiko (historisch v. a. Canagliflozin)
Für Canagliflozin gab es früher eine FDA-Boxed-Warning zum Amputationsrisiko; diese wurde später wieder entfernt, bleibt aber ein Punkt für sorgfältige Risikoabwägung (z. B. schwere pAVK, diabetischer Fuß). (U.S. Food and Drug Administration)
6) Praktische Tipps: So nutzt du SGLT-2-Hemmer sicher
1) „Sick-Day-Regel“ (bei akuter Erkrankung) – wichtig! Bei schwerem Infekt, starkem Erbrechen/Durchfall, deutlicher Dehydratation oder vor größeren Operationen kann es sinnvoll sein, SGLT-2-Hemmer vorübergehend zu pausieren (ärztlich abgesprochen), um Ketoazidose/Volumenprobleme zu vermeiden. Die EMA-Sicherheitsinformationen betonen, bei entsprechenden Symptomen an Ketoazidose zu denken. (European Medicines Agency (EMA))
2) Trinken & Blutdruck beachten Gerade zu Beginn: Achte auf ausreichend Flüssigkeit (sofern medizinisch erlaubt) und melde Schwindel/„Kreislaufprobleme“ – manchmal muss die Diuretikadosis angepasst werden.
3) Genitale Beschwerden früh behandeln Jucken, Brennen, Ausfluss oder Rötung nicht aussitzen: frühzeitig behandeln, dann ist es meist schnell erledigt.
4) Nierenwerte: Anfangseffekt ist oft normal Ein kleiner eGFR-Abfall nach Start kann auftreten. KDIGO betont, dass dieser initiale, meist reversible Effekt in der Regel kein Absetzgrund ist – natürlich immer im Kontext der Gesamtsituation. (kdigo.org)
Empfehlung von Gesundheits-Doc
Gesundheits-Doc empfiehlt: SGLT-2-Hemmer sind heute eine der wichtigsten Medikamentenklassen, wenn es darum geht, bei geeigneten Patient:innen Herzinsuffizienz-Verschlechterungen zu reduzieren und die Nierenfunktion langfristig zu schützen – oft zusätzlich zur Blutzuckerkontrolle und teils auch ohne Diabetes. Das zeigen große Studien (DAPA-HF, EMPEROR-Preserved/Reduced, DAPA-CKD, EMPA-KIDNEY) und aktuelle Leitlinien (ESC 2023, KDIGO 2024, ADA). (New England Journal of Medicine)
Gleichzeitig gilt: Die Therapie sollte individuell geplant werden (Nierenfunktion, Blutdruck, Begleitmedikamente, Infektrisiko). Mit guter Aufklärung zu Warnzeichen (v. a. Ketoazidose-Symptome) sind SGLT-2-Hemmer in der Regel sicher und sehr wirkungsvoll. (European Medicines Agency (EMA))
✅ Kurz-Check für dich: Hast du Typ-2-Diabetes, Herzinsuffizienz oder eine chronische Nierenerkrankung?
➡️ Dann sprich bei deinem nächsten Arzttermin aktiv an: „Wäre ein SGLT-2-Hemmer für meinen Herz- und Nierenschutz sinnvoll?“
📌 Tipp: Speichere diesen Artikel oder teile ihn mit Angehörigen – besonders, wenn Herzschwäche oder Nierenprobleme im Spiel sind.
Quellenbox (Auswahl)
KDIGO 2024 CKD Guideline (Executive Summary & Full Guideline): Empfehlung von SGLT-2-Hemmern bei CKD (u. a. eGFR-Schwellen, Hinweis zum initialen eGFR-Abfall). (kdigo.org)
ADA Standards of Care 2026 – CKD Kapitel: SGLT-2-Hemmer zur Verlangsamung der CKD-Progression und Reduktion kardiovaskulärer Risiken (u. a. ab eGFR ≥20). (diabetesjournals.org)
DAPA-HF (NEJM 2019): Dapagliflozin bei HFrEF – Nutzen unabhängig vom Diabetesstatus. (New England Journal of Medicine)
EMPEROR-Preserved (NEJM 2021) & DELIVER (NEJM 2022): Nutzen bei HFpEF/HFmrEF. (New England Journal of Medicine)
DAPA-CKD (NEJM 2020) & EMPA-KIDNEY (NEJM 2023): Nieren- und kardiovaskulärer Nutzen bei CKD. (New England Journal of Medicine)
ESC Focused Update 2023 (Herzinsuffizienz): Klasse-I-Empfehlung für SGLT-2-Hemmer über das EF-Spektrum (Zusammenfassung/Kommentar). (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
EMA Sicherheitsinformation (Ketoazidose-Risiko) & FDA Warnung Fournier-Gangrän: Warnzeichen und Risikominimierung. (European Medicines Agency (EMA))
FDA Kommunikation Canagliflozin/Amputationswarnung: Historie und Einordnung. (U.S. Food and Drug Administration)




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