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SIBO (Small Intestinal Bacterial Overgrowth) – Ursachen und Therapieoptionen


Illustration Dünndarm



Viele Menschen mit chronischen Bauchbeschwerden kennen das: Blähbauch, Druckgefühl, wechselnde Stühle, Bauchschmerzen – manchmal über Jahre. In den letzten Jahren ist dabei ein Begriff häufiger geworden: SIBO, die Small Intestinal Bacterial Overgrowth (Dünndarmfehlbesiedlung). Gemeint ist eine Situation, in der sich im Dünndarm zu viele bzw. „falsche“ Keime vermehren und dadurch Beschwerden und in schweren Fällen auch Nährstoffprobleme auslösen können. Gleichzeitig ist SIBO ein Thema mit Kontroversen: Symptome sind unspezifisch, Tests haben Grenzen, und nicht jede positive Messung bedeutet automatisch, dass SIBO die Ursache aller Beschwerden ist. Genau deshalb ist ein strukturierter, evidenzbasierter Umgang wichtig. (Lippincott Journals)

Dieser Beitrag erklärt, was hinter SIBO steckt, welche Ursachen häufig sind, wie Diagnostik sinnvoll abläuft – und welche Therapieoptionen in der Praxis wirklich helfen können.


1) Was ist SIBO – und welche Beschwerden sind typisch?

SIBO beschreibt eine klinische Konstellation, bei der Symptome (und ggf. Laborveränderungen) mit einer veränderten Bakterienmenge/-zusammensetzung im Dünndarm in Verbindung gebracht werden. Klassische Symptome sind:

  • Blähungen/Blähbauch (häufigstes Symptom)

  • Bauchschmerzen/Unwohlsein

  • Durchfall oder wechselnde Stuhlgewohnheiten

  • bei manchen eher Verstopfung (hier spielt häufig Methan eine Rolle, dazu gleich mehr) (American Gastroenterological Association)

Bei stärker ausgeprägter Fehlbesiedlung können auch Malabsorption/Mangelzustände auftreten, z. B. Fettstühle, Gewichtsverlust oder Nährstoffauffälligkeiten (u. a. B12-Mangel – eher seltener; erhöhte Folatwerte möglich). (American Gastroenterological Association)

SIBO vs. „IMO“ (Intestinal Methanogen Overgrowth)

Immer wichtiger wird die Unterscheidung zwischen klassischem SIBO (häufig mehr Wasserstoff) und Methan-Positivität, die eher mit Obstipation/Verlangsamung der Darmbewegung assoziiert sein kann. Methan wird hauptsächlich von Methanogenen (nicht „Bakterien“ im engeren Sinn) gebildet; daher wird zunehmend der Begriff IMO genutzt. In der Praxis wird Methan trotzdem häufig im SIBO-Kontext mit abgeklärt. (PubMed)


2) Ursachen: Warum entsteht SIBO?

Ein wichtiger Grundsatz: SIBO ist oft eine Folge – nicht die eigentliche „Grundkrankheit“. Häufig geht es um Situationen, in denen der Dünndarm seine „Reinigungsfunktion“ (Motilität/Transport) verliert oder anatomische Engstellen/Blindsack-Situationen entstehen.

Häufige Risikofaktoren (vereinfacht)

A) Motilitätsstörungen (Darmbewegung verlangsamt)

B) Anatomische Veränderungen

  • nach Operationen (z. B. blinde Schlingen, veränderte Anatomie, ggf. fehlende Ileozökalklappe)

  • Divertikel im Dünndarm, Strikturen, Fisteln (Kontextabhängigkeit!) (gastrojournal.org)

C) Weitere begünstigende Faktoren

  • Störungen der Magensäure-/Abwehrbarrieren oder der Verdauungssekrete können mitspielen; die Datenlage ist hier teils uneinheitlich. Leitlinien raten jedenfalls davon ab, bei asymptomatischen Personen allein wegen PPI-Einnahme Atemtests zu machen. (Emory School of Medicine)

Merke: Wenn man nur „SIBO behandelt“, aber die Ursache (z. B. Motilität, anatomisches Problem) unberührt lässt, sind Rückfälle häufig.


3) Diagnostik: Wie wird SIBO sinnvoll abgeklärt?

Warum ist Diagnostik manchmal schwierig?

SIBO-Symptome überschneiden sich stark mit Reizdarm, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Zöliakie, Gallensäureverlustsyndrom, Pankreasproblemen u. a. Deshalb betont die AGA: Die Definition ist nicht immer präzise, und die Rolle von SIBO bei funktionellen Beschwerden ist teils umstritten – Kontext ist entscheidend. (American Gastroenterological Association)


Atemtests (H2/CH4) – der Praxisstandard

In der Praxis werden häufig Glukose- oder Laktulose-Atemtests eingesetzt. Nach dem Konsens der North American Consensus Conference gilt typischerweise:

  • positiv für SIBO: Anstieg von H₂ ≥20 ppm über Baseline innerhalb von 90 Minuten (Glukose oder Laktulose)

  • methan-positiv: CH₄ ≥10 ppm (zu irgendeinem Zeitpunkt des Tests) (PubMed)

Wichtig: Atemtests sind nützlich, aber nicht perfekt (Vorbereitung, Transitzeit, Mundflora etc. können beeinflussen). Reviews betonen daher die Grenzen und die Notwendigkeit standardisierter Durchführung. (PMC)


Dünndarmaspirat/Kultur (theoretischer Referenztest)

Die Entnahme von Dünndarmsekret mit Kultur gilt oft als „Referenz“, ist aber invasiver, technisch anspruchsvoll und ebenfalls nicht frei von Limitationen (Sampling, Kontamination). Deshalb spielen Atemtests in der Praxis eine große Rolle. (Lippincott Journals)


Wann sollte man an SIBO denken?

Leitlinien empfehlen vor allem bei passendem Risiko-Kontext zu testen (z. B. nach bestimmten Operationen, bei Motilitätsstörungen) und nicht pauschal jeden Blähbauch automatisch als SIBO zu behandeln. (Lippincott Journals)


4) Therapieoptionen: Was hilft wirklich?

Prinzip 1: Ursache behandeln (wenn möglich)

  • Motilität optimieren (z. B. Auslöser/Medikamente prüfen, ggf. prokinetisches Konzept ärztlich)

  • anatomische Ursachen erkennen (z. B. OP-Folgen, Strikturen)

  • Begleiterkrankungen (Diabetes-Einstellung, Schilddrüse, Zöliakie etc.) konsequent behandelnDas ist häufig der entscheidende Schritt, um Rückfälle zu reduzieren. (American Gastroenterological Association)


Prinzip 2: Antibiotika – „Cornerstone“ der Therapie

Die ACG-Leitlinie beschreibt Antibiotika als zentrale Therapieoption; gleichzeitig wird die Datenlage zu idealen Strategien und Rezidiven als begrenzt eingeordnet. (Lippincott Journals)

Rifaximin hat eine der besten Evidenzbasen (geringe systemische Resorption). In Übersichtsarbeiten werden z. B. Regime wie 550 mg 2×/Tag für 7–14 Tage genannt; in der Praxis existieren je nach Setting unterschiedliche Schemata. (PMC) Weitere in Studien/Übersichten verwendete Optionen (je nach Situation) sind z. B. Metronidazol, Ciprofloxacin, TMP/SMX u. a. (PMC)

Wie gut wirken Antibiotika?Aktuelle Analysen bestätigen, dass mehrere Regime wirksam sein können; in einer neueren Meta-Analyse zeigte Rifaximin in Vergleichen z. B. Vorteile gegenüber Metronidazol bezüglich Eradikation. (PMC) Wichtig: „Eradikation“ im Test ist nicht gleichbedeutend mit „dauerhaft beschwerdefrei“ – und Rückfälle sind möglich.

Besonderheit: Methan-Positivität (IMO) und Verstopfung

Bei Methan-Positivität werden in der Praxis häufig kombinierte Strategien diskutiert. Eine Studie verglich bei methan-positiven Atemtests Rifaximin, Neomycin und die Kombination – die Kombinationsgruppe war in dieser Untersuchung überlegen. (PubMed) Das ist ein Beispiel dafür, dass „Methan-dominante“ Konstellationen therapeutisch anders aussehen können als klassische Wasserstoff-SIBO.


Prinzip 3: Ernährung – unterstützend, aber nicht als „Wunderheilung“

Viele Betroffene berichten deutliche Symptomänderungen durch Ernährung. Die Evidenz ist heterogen, aber es gibt sinnvolle pragmatische Ansätze:

  • Low-FODMAP: kann Symptome reduzieren (v. a. Gasbildung), ist aber eher ein Symptom- als ein „Ursachen“-Konzept; Leitlinien sehen diätetische Maßnahmen als möglich unterstützend. (Emory School of Medicine)

  • Elementardiät (kurzzeitig, medizinisch geführt): In einer frühen Studie normalisierte eine 2-wöchige exklusive Elementardiät bei einem Teil der Betroffenen den Laktulose-Atemtest. Das ist eine Option, aber anspruchsvoll und nicht für jeden geeignet. (PubMed)

Praktisch: Ernährung ist oft am hilfreichsten als Begleitstrategie, idealerweise begleitet durch ärztliche/ernährungsmedizinische Beratung – besonders bei Gewichtsverlust oder Mangelzeichen.


Prinzip 4: Probiotika / „Darmaufbau“ – vorsichtig einordnen

Hier ist die Datenlage widersprüchlich. Die ACG-Leitlinie betont keine klare Evidenz für Probiotika oder FMT in der SIBO-Therapie; zudem wird auch über Fälle berichtet, in denen Probiotika im Zusammenhang mit SIBO/D-Laktat-Problemen standen. (darmzentrum-bern.ch) Das bedeutet nicht, dass Probiotika „immer schlecht“ sind – aber Selbsttherapie ohne Konzept ist nicht sinnvoll.


5) Warnzeichen: Wann sollte man zeitnah ärztlich abklären?

Bitte nicht nur an SIBO denken, wenn zusätzlich auftreten:

  • ungewollter Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, Fieber

  • nächtliche Durchfälle, ausgeprägte Anämie

  • anhaltendes Erbrechen, starke Schmerzen

  • neu auftretende Symptome ab höherem AlterDann sollte eine strukturierte Abklärung erfolgen, um andere Ursachen sicher auszuschließen.


Empfehlung von Gesundheits-Doc

Gesundheits-Doc empfiehlt: SIBO ist dann am sinnvollsten zu behandeln, wenn drei Dinge zusammenkommen: passende Beschwerden + Risikokontext + nachvollziehbarer Testbefund. Antibiotika können wirksam sein, aber eine nachhaltige Besserung gelingt am ehesten, wenn zusätzlich die Ursachen (Motilität, Anatomie, Begleiterkrankungen) adressiert werden. (Lippincott Journals)

Ernährung (z. B. Low-FODMAP oder in ausgewählten Fällen Elementardiät) kann Beschwerden reduzieren, sollte aber nicht als alleinige „Heiltherapie“ verstanden werden. (PubMed)



Wenn du seit Wochen/Monaten unter Blähbauch, Bauchschmerzen und wechselnden Stühlen leidest: Sprich deine Ärztin/deinen Arzt gezielt an und frage: „Ist bei mir ein standardisierter H₂/CH₄-Atemtest sinnvoll – und welche Ursachen (Motilität/OP-Vorgeschichte/Medikamente) sollten wir mit prüfen?“ (PubMed)


📌 Tipp: Speichere diesen Beitrag und notiere vor dem Termin kurz: Beschwerden, Auslöser, OPs, Medikamente, Gewichtsverlauf.


Quellenbox (Auswahl)
  • ACG Clinical Guideline: Small Intestinal Bacterial Overgrowth (2020) – Definition, Diagnostik, Therapieoptionen, Evidenzbewertung. (Lippincott Journals)
  • AGA Clinical Practice Update: SIBO (2020) – Einordnung, Kontroversen, Best-Practice-Advice, praktische Diagnostik-/Therapieaspekte. (American Gastroenterological Association)
  • North American Consensus Breath Testing (2017) – Grenzwerte/Interpretation (H₂-Anstieg, Methan ≥10 ppm). (PubMed)
  • Breath-Test-Review (2022) – Durchführung/Interpretation und Limitationen von H₂/CH₄-Atemtests. (PMC)
  • Meta-Analyse Therapien (aktuell, 2025) – Vergleich verschiedener Regime, u. a. Rifaximin vs. Metronidazol. (PMC)
  • Methan-positive Fälle: Rifaximin + Neomycin Studie – bessere Atemtest-Normalisierung in Kombinationsgruppe. (PubMed)
  • Elementardiät (2004) – 14-tägige exklusive Elementardiät normalisiert bei einem Teil den Atemtest. (PubMed)


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