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Aortenklappeninsuffizienz: Ab wann bedenklich?

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Aortenklappeninsuffizienz

Die Aortenklappe ist das „Auslassventil“ zwischen linker Herzkammer und Hauptschlagader (Aorta). Bei einer Aortenklappeninsuffizienz (auch: Aortenklappenregurgitation) schließt die Klappe nicht mehr dicht – ein Teil des Blutes fließt nach dem Herzschlag zurück in die linke Herzkammer. Das Herz muss dann mehr Volumen bewegen, um trotzdem genug Blut in den Körper zu pumpen. Anfangs kompensiert der Körper das gut – über Jahre kann diese Mehrarbeit aber zu einer Vergrößerung (Dilatation) und später zu einer Funktionsschwäche der linken Herzkammer führen.

Die zentrale Frage lautet deshalb: Ist die Insuffizienz „nur ein Befund“ oder bereits „bedenklich“? Bedenklich wird sie vor allem dann, wenn (1) Symptome auftreten, (2) der Ultraschall eine schwere Undichtigkeit zeigt oder (3) der linke Ventrikel beginnt, sich kritisch zu verändern (z. B. sinkende Auswurffraktion oder zunehmende End-Systolen-Dimension). Genau darauf zielen die Leitlinien ab.


Was passiert im Herzen – und warum macht das Probleme?

Wenn Blut nach jedem Herzschlag in die linke Kammer zurückläuft, entsteht eine Volumenbelastung. Der linke Ventrikel wird im Verlauf oft größer und „dehnt“ sich, um das zusätzliche Blut aufzunehmen. Kurzfristig kann das die Pumpleistung stabil halten, langfristig steigt jedoch das Risiko, dass der Muskel „überdehnt“ und die Pumpfunktion nachlässt. Zusätzlich kann der Druck in die Lungengefäße steigen – dann entstehen typische Beschwerden wie Atemnot.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen:

  • Chronischer Aorteninsuffizienz: entwickelt sich meist langsam über Monate/Jahre. Viele Betroffene sind lange beschwerdefrei.

  • Akuter Aorteninsuffizienz: tritt plötzlich auf (z. B. bei Endokarditis, Aortendissektion, Klappenabriss). Das ist ein Notfall, weil sich das Herz nicht „anpassen“ kann.


Ursachen: Warum wird die Aortenklappe undicht?

Häufige Ursachen (vereinfacht):

Klappenerkrankung selbst

  • Degenerative Veränderungen (Alter, Gewebeschwäche)

  • Bikuspidale Aortenklappe (angeboren – kann sowohl Stenose als auch Insuffizienz begünstigen)

Erweiterung der Aortenwurzel / Aorta ascendens

Wenn sich die Aorta am Klappenansatz erweitert, „ziehen“ die Klappentaschen auseinander und schließen nicht mehr richtig. Typische Hintergründe sind Bindegewebserkrankungen oder langjähriger Bluthochdruck. Leitlinien berücksichtigen diese Konstellation besonders, weil dann ggf. Aorten- und Klappentherapie gemeinsam geplant werden.

Entzündlich / infektiös / akut

  • Infektiöse Endokarditis (Klappenzerstörung)

  • Aortendissektion (Einriss der Aortenwand mit Klappenbeteiligung)Das sind typische Ursachen einer akuten schweren Insuffizienz und erfordern rasche Diagnostik/Therapie.


Symptome: Wann du hellhörig werden solltest

Bei chronischer Aorteninsuffizienz entwickeln sich Beschwerden oft schleichend. Typisch sind:

  • Belastungsatemnot, später auch in Ruhe

  • Leistungsabfall, schnelle Erschöpfbarkeit

  • Herzklopfen/Palpitationen (teils durch großes Schlagvolumen)

  • Druckgefühl/Brustbeschwerden (nicht immer „klassische Angina“)

  • Wasser in den Beinen, nächtliche Atemnot – Zeichen einer Herzschwäche

Ein wichtiger Punkt: Symptome bei schwerer Aorteninsuffizienz sind per Leitlinie ein starker Hinweis, dass eine Klappenoperation/Intervention nötig werden kann (sofern keine andere Ursache die Beschwerden erklärt).


Diagnostik: Wie wird Aorteninsuffizienz sicher beurteilt?

a) Herzultraschall (Echokardiographie) – die Schlüsseluntersuchung

Der Echo-Befund beantwortet drei Kernfragen:

  1. Wie schwer ist die Undichtigkeit? (mild – moderat – schwer)

  2. Wie reagiert der linke Ventrikel? (Größe/Volumen, Wandstress, Pumpfunktion)

  3. Warum ist die Klappe undicht? (Klappenproblem vs. Aortenwurzelproblem)

Die Leitlinien betonen, dass die Schweregradbeurteilung idealerweise multimodal erfolgt (mehrere Echo-Parameter zusammen, nicht nur „ein Wert“).

b) Weitere Untersuchungen (je nach Situation)

  • EKG (Hypertrophiezeichen, Rhythmus)

  • Belastungstest: hilfreich, wenn jemand „symptomfrei“ wirkt, aber im Alltag unbewusst Belastung vermeidet (oder zur Objektivierung).

  • Kardio-MRT: kann Volumina und Regurgitationsmenge sehr präzise erfassen (v. a. bei unklaren Echo-Befunden). Leitlinien erwähnen MRT/Volumetrie als zunehmend wichtig.

  • CT der Aorta: wenn Aortenwurzel/Aorta ascendens erweitert ist oder Dissektion ausgeschlossen werden muss.


Schweregrad: Was bedeutet „leicht“, „mittel“, „schwer“?

Die genaue Einordnung ist komplex und hängt auch von Blutdruck und Belastungssituation ab. Grob nutzen Echo-Leitlinien quantitative Größen wie:

  • Regurgitationsvolumen (RVol)

  • Regurgitationsfraktion (RF)

  • effektive Regurgitationsöffnung (EROA)

  • Vena contracta / Jet-Breite, plus unterstützende Zeichen (z. B. Rückfluss in der Aorta)

Eine international etablierte Echo-Leitlinie (ASE) beschreibt genau diese Parameter und betont, dass es keinen perfekten Einzelmarker gibt – entscheidend ist die Gesamtschau.

Praxisnaher Merksatz

  • Leicht: oft Zufallsbefund, selten Folgen, meist Verlaufskontrolle.

  • Mittel: individuell – Verlauf, Ventrikelgröße, Blutdruck, Symptome zählen.

  • Schwer: kritisch, weil das Risiko für Ventrikelumbau und Herzschwäche steigt; hier geht es um das Timing der Klappentherapie.


Ab wann ist Aortenklappeninsuffizienz „bedenklich“?

Bedenklich ist sie aus medizinischer Sicht vor allem in diesen Situationen:

1) Wenn Symptome auftreten (bei schwerer AR)

Bei symptomatischer schwerer Aorteninsuffizienz empfehlen Leitlinien in der Regel eine Operation/klare Interventionsprüfung, unabhängig davon, ob die Pumpfunktion schon deutlich eingeschränkt ist.

2) Wenn die Pumpfunktion nachlässt

Bei asymptomatischer schwerer AR wird es spätestens dann bedenklich, wenn Zeichen einer beginnenden Funktionsschwäche auftreten. In den ESC/EACTS-Leitlinien 2021 wird als klare OP-Indikation bei schwerer AR u. a. genannt:

  • LVEF ≤ 50% (Auswurffraktion)

Die US-Leitlinie (ACC/AHA 2020) setzt die Schwelle für asymptomatische schwere AR höher und empfiehlt AVR bereits bei:

  • LVEF < 55% 

Für dich als Patient*in heißt das praktisch: Schon „low-normal“ Werte können relevant sein – nicht erst, wenn die EF deutlich schlecht ist.

3) Wenn der linke Ventrikel zu groß wird

Auch ohne Symptome kann eine schwere AR bedenklich werden, wenn der Ventrikel kritisch dilatiert, weil dann das Risiko steigt, dass die Funktion später nicht mehr vollständig zurückkommt.

ESC/EACTS 2021 nennt als OP-Kriterium bei asymptomatischer schwerer AR u. a.:

  • LVESD > 50 mm oder LVESD > 25 mm/m² (bei kleiner Körpergröße)

ACC/AHA 2020 führt bei normaler EF (>55%) eine OP als „reasonable“ an, wenn:

  • LVESD > 50 mm oder >25 mm/m² 

Zusätzlich berücksichtigt ESC/EACTS 2021 als „sollte erwogen werden“ bei schwerer Dilatation auch große LVEDD-Werte (z. B. LVEDD >70 mm oder LVESD >50 mm) – hier zählt immer das Gesamtbild und das individuelle Risiko.

4) Wenn eine akute Aorteninsuffizienz vermutet wird

Akute schwere AR ist immer bedenklich. Typische Alarmsignale: plötzlich schwere Atemnot, Kreislaufprobleme, Brust-/Rückenschmerz (Dissektion?), Fieber/Schüttelfrost (Endokarditis?). Das ist eine Notfall-Situation.


Therapie: Was kann man tun – und was nicht?

Medikamente: wichtig, aber selten „die Lösung“

Medikamente „dichten“ die Klappe nicht ab. Sie können aber bei chronischer AR helfen, die Belastung zu reduzieren, z. B. durch konsequente Blutdruckkontrolle (afterload reduction), besonders wenn Hypertonie vorliegt. Welche Substanz passt, hängt von deiner Gesamtsituation ab und gehört ärztlich gesteuert. Leitlinien betonen, dass die definitive Behandlung der schweren AR meist eine Klappenoperation ist – Medikamente sind ergänzend.

Operation: Aortenklappenersatz oder -rekonstruktion

Bei geeigneter Anatomie kann eine Klappenrekonstruktion möglich sein, häufiger wird ein Klappenersatz durchgeführt. Die Entscheidung hängt ab von Ursache (Klappe vs. Aorta), Alter, Begleiterkrankungen, Aortenwurzelbefund und OP-Risiko.

Katheterverfahren (TAVI) bei Aorteninsuffizienz?

TAVI ist primär für Aortenklappenstenose etabliert. Bei reiner Aorteninsuffizienz ist die Anatomie oft weniger „kalkig“, sodass die Verankerung schwieriger sein kann; daher ist das Vorgehen selektiver und stark vom Zentrum und der individuellen Situation abhängig. Leitlinien betonen hier besonders die Heart-Team-Entscheidung.


Verlaufskontrollen: Wie oft muss man kontrollieren?

Das hängt vom Schweregrad ab. Als grobe Orientierung gilt: je höher der Grad und je auffälliger der Ventrikel, desto enger die Kontrollen. Leitlinien empfehlen bei signifikanter Klappenerkrankung regelmäßige klinische Kontrollen und Echo-Verlauf, um den „richtigen Zeitpunkt“ nicht zu verpassen.

Praxis-Tipp: Notiere dir in den Befunden (oder lass es dir erklären):

  • LVEF

  • LVESD (und ggf. indexiert)

  • LVEDD

  • Schweregrad der AR (inkl. quantitativer Parameter)Damit kannst du Veränderungen über die Zeit besser nachvollziehen.


Alltag: Was du selbst beeinflussen kannst

Auch wenn du die Undichtigkeit nicht „wegtrainieren“ kannst: Du kannst die Herzbelastung senken und Warnzeichen früher bemerken.

  • Blutdruck konsequent einstellen (oft der wichtigste Alltagshebel)

  • Ausdauer-Bewegung moderat (wenn ärztlich freigegeben): verbessert Belastbarkeit und Gefäßgesundheit

  • Symptome ernst nehmen: neue Atemnot, Leistungsknick, Palpitationen → zeitnah ärztlich klären

  • Infekte abklären, besonders bei Fieber + Herzgeräusch/Herzklappenbefund (Endokarditis-Verdacht)


Warnzeichen: Wann sofort ärztlich abklären?

Bitte dringend (Notfall je nach Ausprägung) abklären lassen bei:

  • plötzlicher schwerer Atemnot, schaumigem Husten, starke Schwäche

  • Brustschmerz (v. a. plötzlich, reißend in Rücken)

  • Ohnmacht/Kollaps

  • Fieber/Schüttelfrost bei bekanntem Klappenfehler (Endokarditis möglich)


Empfehlung von Gesundheits-Doc

„Bedenklich“ ist Aortenklappeninsuffizienz vor allem dann, wenn sie schwer ist und Symptome auftreten oder wenn der linke Ventrikel beginnt, sich kritisch zu vergrößern bzw. die Pumpfunktion nachlässt. Der wichtigste Punkt ist das Timing: Nicht zu früh operieren – aber vor allem nicht zu spät, damit sich die Herzfunktion nach einer Klappentherapie bestmöglich erholen kann. Orientiere dich an seriellen Echo-Werten (EF, LVESD/LVEDD) und an deiner realen Belastbarkeit.

CTA (Call to Action)

Du hast im Befund „Aorteninsuffizienz“ stehen? Dann hol dir Klarheit: Wie schwer ist sie? Wie sind EF und LVESD? Schreib deine wichtigsten Echo-Werte (oder den Befundtext) als Kommentar/Frage – oder nutze unsere Gesundheits-Doc-Checkliste „Klappenfehler verstehen“, um gezielt mit Hausarztpraxis/Kardiologie das weitere Vorgehen zu planen.


FAQ (6 Fragen)

1) Kann eine leichte Aorteninsuffizienz harmlos sein? Ja. Leichte AR ist häufig ein Zufallsbefund und bleibt oft stabil – wichtig sind Verlauf und Echo-Kontrollen.

2) Ab wann ist sie „schwer“? Die Einteilung erfolgt per Echo anhand mehrerer Parameter (z. B. Regurgitationsvolumen/-fraktion, EROA, Vena contracta plus unterstützende Zeichen).

3) Wann wird eine Operation empfohlen? Bei symptomatischer schwerer AR in der Regel ja. Bei asymptomatischer schwerer AR besonders dann, wenn EF sinkt oder LVESD kritische Schwellen überschreitet.

4) Welche EF-Grenze ist relevant? ESC/EACTS nennt u. a. ≤50%, ACC/AHA empfiehlt bei asymptomatischer schwerer AR schon Eingriff bei <55%.

5) Was bedeutet LVESD > 50 mm? Das ist ein Hinweis, dass der linke Ventrikel bereits deutlich erweitert ist – ein wichtiges Kriterium für den optimalen OP-Zeitpunkt.

6) Was ist der Unterschied zwischen Stenose und Insuffizienz? Bei der Stenose ist die Klappe zu eng (Ausfluss behindert). Bei der Insuffizienz schließt sie nicht dicht (Rückfluss). Beides kann belastend und behandlungsbedürftig sein – aber Mechanismus und Therapie-Schwerpunkte unterscheiden sich.


Quellenbox (Auswahl)
  • 2021 ESC/EACTS Guidelines for the management of valvular heart disease (Kapitel Aorteninsuffizienz, OP-Indikationen, LVESD/LVEF-Schwellen).
  • 2025 ESC/EACTS Guidelines – Update-Hinweis (ESC Guideline-Seite; Publikation in Eur Heart J 2025).
  • 2020 ACC/AHA Guideline for the Management of Patients with Valvular Heart Disease (AR-Empfehlungen; EF-Schwelle <55% in der Guideline-Zusammenfassung).
  • ASE (American Society of Echocardiography) Recommendations for Noninvasive Evaluation of Native Valvular Regurgitation (Schweregradkriterien, multimodale Beurteilung).

Die auf der Seite Gesundheits-Doc wiedergegebenen Inhalte dienen der allgemeinen Information zu gesundheitsbezogenen Themen und ersetzen keine ärztliche Konsultation.

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