Aortenklappenstenose: Wenn die Herzklappe zu eng wird
- Gesundheits-Doc
- 27. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
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Die Aortenklappe ist so etwas wie das „Auslassventil“ des Herzens: Mit jedem Herzschlag öffnet sie sich, damit das Blut aus der linken Herzkammer in die Hauptschlagader (Aorta) fließen kann. Wird diese Klappe im Laufe der Zeit enger, spricht man von Aortenklappenstenose. Das Herz muss dann gegen einen höheren Widerstand pumpen – zunächst unbemerkt, später häufig mit typischen Beschwerden. Unbehandelt kann eine hochgradige Aortenstenose gefährlich werden, weil sie zu Herzschwäche, Rhythmusstörungen und im schlimmsten Fall zu lebensbedrohlichen Ereignissen führen kann.
In diesem Artikel erfährst du, warum die Aortenklappe „verkalkt“, woran du eine relevante Verengung erkennst, wie sie diagnostiziert wird und welche Therapie heute wirklich hilft – inklusive der modernen Katheterklappe (TAVI).
Was passiert bei einer Aortenklappenstenose? (Einfach erklärt)
Bei einer Aortenklappenstenose öffnet die Klappe nicht mehr weit genug. Dadurch steigt der Druck, den die linke Herzkammer aufbringen muss, um Blut in die Aorta auszutreiben. Der Herzmuskel reagiert oft mit einer Verdickung der Muskelwand (Hypertrophie). Anfangs ist das eine Kompensation – langfristig kann daraus eine diastolische und später systolische Herzinsuffizienz entstehen.
Wichtig: Viele Menschen merken lange Zeit wenig, weil der Körper erstaunlich gut „ausgleicht“. Gerade deshalb ist es so relevant, Warnzeichen ernst zu nehmen und Befunde aus Ultraschall/Herzgeräusch nicht zu bagatellisieren.
Ursachen: Warum wird die Aortenklappe enger?
Die häufigsten Ursachen hängen vom Alter und der Klappenform ab:
1) Degenerative (verkalkende) AortenstenoseDas ist die häufigste Form im höheren Lebensalter: Die Klappentaschen werden im Laufe der Jahre steifer und verkalken.
2) Bikuspidale Aortenklappe (angeborene Klappenvariante)Manche Menschen haben von Geburt an statt drei Klappentaschen nur zwei. Diese Klappe neigt dazu, früher zu verkalken und enger zu werden.
3) Seltenere UrsachenZ. B. nach rheumatischem Fieber (heute in Deutschland deutlich seltener) oder im Rahmen anderer Klappenerkrankungen.
Risikofaktoren, die häufig „mitspielen“: Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Rauchen, Diabetes, chronische Nierenerkrankung – also ähnliche Faktoren wie bei Arteriosklerose.
Symptome: Woran du eine relevante Aortenstenose erkennst
Klassisch sind drei Beschwerden besonders typisch (die „Trias“):
Belastungsatemnot (du wirst schneller kurzatmig)
Brustschmerz/Engegefühl (Angina pectoris)
Schwindel bis Ohnmacht (Synkope, v. a. unter Belastung)
Dazu kommen häufig unspezifischere Zeichen:
rasche Erschöpfbarkeit, Leistungsabfall
Herzstolpern/Rhythmusstörungen
Schwellungen der Beine bei beginnender Herzschwäche
nächtliche Atemnot oder vermehrtes „Flachliegen“ nicht mehr möglich
Merke: Bei einer hochgradigen Aortenstenose sind neue Symptome unter Belastung ein ernstes Signal. In den Leitlinien ist Symptomatik bei schwerer Stenose ein zentraler Auslöser, um eine Klappenintervention zu prüfen.
Diagnostik: Welche Untersuchungen sind wichtig?
a) Anamnese & Untersuchung
Oft fällt zunächst ein Herzgeräusch auf. Das ersetzt aber nicht die Bildgebung – entscheidend ist der Ultraschall.
b) Echokardiographie (Herzultraschall) – der wichtigste Schritt
Die Echokardiographie zeigt:
wie eng die Klappe ist
wie hoch die Druckbelastung (Gradient) ist
wie gut die linke Herzkammer pumpt (LVEF)
ob weitere Klappen betroffen sind
Schweregrad-Kriterien (vereinfacht):Eine hochgradige (schwere) Aortenstenose wird u. a. definiert durch:
max. Jet-Geschwindigkeit (Vmax) ≥ 4,0 m/s und/oder
mittlerer Druckgradient ≥ 40 mmHg und/oder
Aortenklappenöffnungsfläche (AVA) ≤ 1,0 cm²
Wichtig: Es gibt Konstellationen mit „niedrigem Fluss/niedrigem Gradient“ trotz schwerer Stenose (z. B. bei eingeschränkter Pumpfunktion). Dann sind zusätzliche Tests (z. B. Dobutamin-Stress-Echo) sinnvoll, um „echte“ von „scheinbarer“ Schwere zu unterscheiden.
c) Belastungstest (bei ausgewählten Fällen)
Gerade wenn jemand „symptomfrei“ wirkt, kann ein ärztlich überwachter Belastungstest helfen, verdeckte Symptome oder Risikokonstellationen aufzudecken.
d) CT/Herzkatheter – für Planung & Klärung
Vor allem vor einer TAVI oder Operation werden häufig CT-Untersuchungen zur Anatomieplanung gemacht; bei Verdacht auf koronare Herzerkrankung kann ein Herzkatheter nötig sein.
Verlauf & Kontrolle: Was passiert ohne Behandlung?
Die Aortenstenose ist in der Regel fortschreitend. Lange Zeit kompensiert das Herz die Mehrarbeit, aber irgendwann reicht das nicht mehr aus. Spätestens wenn typische Symptome auftreten oder die Pumpfunktion nachlässt, steigt das Risiko für Komplikationen deutlich an.
Das bedeutet nicht, dass jede leichte oder mittelgradige Stenose sofort behandelt werden muss – aber sie sollte regelmäßig kontrolliert werden (Echo-Verlauf, Symptome, Belastbarkeit).
Therapie: Was hilft wirklich?
Grundsatz: Engstelle beseitigen – Medikamente sind nur „Begleitung“
Medikamente können Begleitsymptome (z. B. Blutdruck, Wasser in den Beinen) behandeln, aber sie öffnen die Klappe nicht. Die wirksame Therapie einer relevanten Aortenstenose ist eine Klappenintervention – entweder chirurgisch oder per Katheter.
a) Operativer Aortenklappenersatz (SAVR)
Hier wird die Klappe in einer Operation ersetzt. Das ist ein etabliertes Verfahren, v. a. bei geeigneter Anatomie und je nach individuellem Risiko- und Altersprofil.
b) TAVI (Transkatheter-Aortenklappenimplantation) – „Klappe per Katheter“
Bei der TAVI wird eine neue Klappe über einen Katheter (meist über die Leistenarterie) eingesetzt. In den letzten Jahren hat sich die TAVI stark weiterentwickelt, und die Indikationen wurden in Konsensuspapieren und Leitlinien zunehmend erweitert – stets unter Herzteam-Entscheidung (Kardiologie + Herzchirurgie).
Herzteam-Prinzip: Leitlinien betonen, dass Patient*innen mit schwerer Klappenerkrankung, bei denen eine Intervention erwogen wird, durch ein multidisziplinäres Team beurteilt werden sollen („Heart Valve Team“).
Altersgrenzen & Leitlinien-Update (wichtig für Einordnung):
Ein deutsches DGK/DGTHG-Konsensuspapier (2020) beschreibt TAVI-Empfehlungen u. a. für ältere Patient*innen und betont die Herzteam-Entscheidung.
Die ESC/EACTS-Leitlinien wurden 2025 aktualisiert (Update der 2021er Version).
In der deutschen kardiologischen Berichterstattung zu den neuen ESC/EACTS-Leitlinien wird hervorgehoben, dass bei Patient*innen ab 70 Jahren mit trikuspider, hochgradiger Aortenstenose und geeigneter Anatomie eine TAVI (Klasse I A) empfohlen wird – unabhängig vom operativen Risiko.
Für dich als Patient*in heißt das praktisch: Die Entscheidung ist heute individueller denn je – Alter, Begleiterkrankungen, Anatomie, Klappentyp, Lebenserwartung, Blutungs-/Schlaganfallrisiken und die Frage der Haltbarkeit spielen in die Empfehlung hinein.
c) Ballonvalvuloplastie (BAV) – selten, meist als „Brücke“
Eine Ballondilatation kann kurzfristig die Öffnung verbessern, ist aber häufig nicht dauerhaft. Sie wird eher in speziellen Situationen eingesetzt (z. B. als Überbrückung, wenn eine definitive Therapie aktuell nicht möglich ist).
Alltag & Selbstmanagement: Was du selbst tun kannst
Du kannst die Klappe nicht „wegtrainieren“ oder „wegessen“ – aber du kannst dein Risiko für Komplikationen senken und die Gesamt-Herzgesundheit stabilisieren:
Symptome ernst nehmen: neue Atemnot, Brustdruck, Synkopen → zeitnah abklären
Blutdruck, Blutzucker, Blutfette gut einstellen (Hausarzt/Kardiologie)
Bewegung ja – aber passend: bei hochgradiger Stenose keine unkontrollierten Maximalbelastungen; individuelle Empfehlung einholen
Infekte ernst nehmen (bei Herzkrankheiten kann das Herz stärker belastet werden)
Medikamente nur wie vereinbart einnehmen (nicht „auf eigene Faust“ ändern)
Warnzeichen: Wann du sofort ärztliche Hilfe brauchst
Bitte umgehend medizinisch abklären lassen (Notfall/112 je nach Situation), wenn du bei bekannter oder vermuteter Aortenstenose:
Ohnmacht (Synkope) hast – besonders unter Belastung
anhaltenden Brustschmerz/Engegefühl bekommst
plötzlich schwere Atemnot entwickelst
deutliche Verschlechterung in Stunden/Tagen bemerkst (z. B. rasche Wasseransammlungen, Orthopnoe)
Empfehlung von Gesundheits-Doc
Wenn eine Aortenklappenstenose hochgradig ist, zählt vor allem eines: Symptome und Ultraschallbefund gehören zusammen bewertet – idealerweise im Herzteam. Moderne Verfahren (TAVI oder OP) sind sehr wirksam, aber der beste Zeitpunkt ist individuell. Lass deshalb Befunde nicht „liegen“, sondern plane frühzeitig Verlaufskontrollen und – falls nötig – die Intervention.
Du hast im Befund „Aortenklappenstenose“ stehen oder bist bei Belastung auffällig kurzatmig/schwindelig? Nutze die Gesundheits-Doc-Checkliste (Symptome, Fragen an die Kardiologie, wichtige Befunde) und sprich zeitnah mit deiner Hausarztpraxis oder Kardiologin/deinem Kardiologen über den nächsten sinnvollen Schritt.
FAQ (6 Fragen)
1) Ist Aortenklappenstenose gefährlich? Eine leichte/mittelgradige Stenose ist oft lange stabil, muss aber kontrolliert werden. Eine hochgradige Stenose kann gefährlich werden – besonders wenn Symptome auftreten.
2) Woran merke ich, dass es schlimmer wird? Typisch sind neue Belastungsatemnot, Brustdruck/Angina, Schwindel oder Ohnmacht.
3) Welche Untersuchung ist entscheidend? Der Herzultraschall (Echokardiographie) ist die Schlüsseluntersuchung zur Einordnung des Schweregrads.
4) Ab wann ist es „hochgradig“? Häufige Kriterien sind Vmax ≥ 4,0 m/s, mittlerer Gradient ≥ 40 mmHg oder Klappenfläche ≤ 1,0 cm² (Gesamtbild zählt).
5) Was ist besser: TAVI oder Operation? Das hängt u. a. von Alter, Anatomie, Begleiterkrankungen und Lebensperspektive ab. Leitlinien betonen die Entscheidung im Herzteam.
6) Können Medikamente die Engstelle behandeln? Medikamente können Symptome/Begleiterkrankungen beeinflussen, aber die Engstelle selbst wird in der Regel nur durch Klappenintervention (TAVI/OP) behoben.
Quellenbox (Auswahl)
2021 ESC/EACTS Guidelines for the management of valvular heart disease (Schweregrad-Definitionen, Diagnostik/Strategie).
2025 ESC/EACTS Guidelines – Update-Hinweis (ESC Guideline-Seite).
DGK/DGTHG Konsensuspapier zur kathetergestützten Aortenklappenimplantation (TAVI) – 2020.
Bericht zu neuen ESC/EACTS-Leitlinien und TAVI-Altersgrenze (2025).
ACC/AHA Guideline for the Management of Patients With Valvular Heart Disease (Heart Valve Team).
StatPearls/NCBI Bookshelf: Aortic Stenosis – Überblick zu Symptomen/Verlauf.
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