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Herzkatheter-Untersuchung Teil 1: Wann, Wie und welche Risiken?

Aktualisiert: 18. Jan.

Herzkatheter-Untersuchung

Autor: Gesundheits-Doc

Kategorie: Kardiologie / Diagnostik

Lesezeit: ca. 12 Minuten


Einleitung: Goldstandard der Herzdiagnostik

Wenn der Kardiologe oder der Hausarzt das Wort „Herzkatheter“ ausspricht, zucken viele Patienten zunächst zusammen. Das Bild von einem Schlauch, der bis zum Herzen geschoben wird, löst Unbehagen aus. Doch die Herzkatheteruntersuchung (in der Fachsprache meist Linksherzkatheter oder Koronarangiographie genannt) ist heute einer der häufigsten und sichersten kardiologischen Eingriffe. Sie gilt als der „Goldstandard“, um Verengungen der Herzkranzgefäße sichtbar zu machen und oft im gleichen Schritt zu behandeln.

In meiner Hausarzt-Praxis erlebe ich oft, dass Unsicherheit vor allem durch Unwissenheit entsteht. Deshalb möchte ich Sie in diesem Artikel Schritt für Schritt durch das Thema führen: Von der medizinischen Notwendigkeit über den genauen Ablauf bis hin zu den – seltenen, aber vorhandenen – Risiken. Mein Ziel ist es, dass Sie oder Ihre Angehörigen gut informiert und mit einem sicheren Gefühl in diese Untersuchung gehen können.


Was ist ein Herzkatheter eigentlich?

Ein Herzkatheter ist eine minimalinvasive Untersuchung des Herzens. Dabei werden dünne Kunststoffschläuche (Katheter) über Blutgefäße bis zum Herzen vorgeschoben. Wir unterscheiden dabei grundsätzlich zwei Formen:

  1. Der Linksherzkatheter (Der „Klassiker“): Hierbei wird der Katheter über eine Arterie (Schlagader) zum Herzen geführt. Dies ist die Untersuchung, die gemeint ist, wenn es um Durchblutungsstörungen, Herzinfarkte oder Angina Pectoris geht. Hier werden die Herzkranzgefäße und die linke Herzkammer dargestellt.

  2. Der Rechtsherzkatheter: Dieser wird über eine Vene eingeführt und dient meist dazu, die Druckverhältnisse im Lungenkreislauf zu messen (z. B. bei Herzschwäche oder Lungenhochdruck).

In diesem Artikel konzentrieren wir uns auf den Linksherzkatheter, da er die weitaus häufigere Untersuchungsmethode darstellt.


Wann ist eine Herzkatheter-Untersuchung notwendig? (Indikationen)

Nicht jeder Brustschmerz erfordert sofort einen Katheter. In der evidenzbasierten Medizin folgen wir klaren Leitlinien, wann dieser Eingriff sinnvoll ist.

1. Verdacht auf Koronare Herzkrankheit (KHK)

Wenn Sie unter Belastung Brustschmerzen (Angina Pectoris) oder Luftnot haben und Voruntersuchungen (wie ein Belastungs-EKG, ein Stress-Echo oder ein Herz-MRT) auffällig waren, ist der Katheter der nächste logische Schritt. Nur so können wir sehen, ob und wo genau Engstellen (Stenosen) vorliegen.

2. Akuter Herzinfarkt

Bei einem akuten Herzinfarkt (Verschluss eines Herzkranzgefäßes) ist der Herzkatheter lebensrettend. Er muss so schnell wie möglich erfolgen, um das Gefäß wieder zu öffnen und Herzmuskelgewebe zu retten. Hier zählt jede Minute ("Time is Muscle").

3. Vor Herzklappen-Operationen

Bevor eine defekte Herzklappe operiert oder per Katheter (TAVI/Clip) ersetzt wird, müssen wir wissen, wie es um die Herzkranzgefäße steht, um Komplikationen während der OP zu vermeiden.

4. Unklare Herzschwäche (Herzinsuffizienz)

Wenn das Herz schwach pumpt und wir nicht wissen, warum, kann der Katheter klären, ob verstopfte Adern die Ursache für die Muskelschwäche sind.


Die Vorbereitung – Was Sie wissen müssen

Eine gute Vorbereitung minimiert Risiken. In meiner Praxis bespreche ich mit meinen Patienten vorab immer folgende Punkte, die auch Sie beachten sollten:

  • Nüchternheit: In der Regel sollten Sie ca. 4 bis 6 Stunden vor dem Eingriff nichts mehr essen. Klare Flüssigkeiten (Wasser) sind oft bis 2 Stunden vorher erlaubt – fragen Sie hierzu explizit die Klinik.

  • Blutverdünner: Medikamente wie Marcumar, Xarelto, Eliquis oder Lixiana müssen oft pausiert oder umgestellt werden. ASS (Aspirin) wird meist weitergenommen. Setzen Sie niemals Medikamente eigenmächtig ab, sondern nur nach ärztlicher Anweisung!

  • Metformin (Wichtig für Diabetiker): Als Diabetologe liegt mir dieser Punkt besonders am Herzen. Metformin-haltige Medikamente müssen oft 48 Stunden vor und nach der Untersuchung pausiert werden, um in Kombination mit dem Kontrastmittel eine seltene Übersäuerung des Blutes (Laktatazidose) oder Nierenschäden zu vermeiden.

  • Laborwerte: Wir benötigen aktuelle Blutwerte, insbesondere die Nierenwerte (Kreatinin, GFR) und die Schilddrüsenwerte (TSH), da das jodhaltige Kontrastmittel über die Nieren ausgeschieden wird und die Schilddrüse beeinflussen kann.


Der Ablauf – Schritt für Schritt erklärt

Wie läuft der Tag X ab? Die Untersuchung findet in einem speziellen Herzkatheterlabor statt. Sie liegen dabei auf einem Untersuchungstisch, über dem sich eine bewegliche Röntgenanlage (C-Bogen) befindet.

1. Der Zugangsweg: Handgelenk oder Leiste?

Früher war die Leiste (Arteria femoralis) der Standardzugang. Heute bevorzugen wir wann immer möglich das Handgelenk (Arteria radialis).

  • Vorteil Handgelenk: Sie müssen nach der Untersuchung nicht stundenlang flach liegen, und das Risiko für Nachblutungen ist deutlich geringer.

  • Die Leiste wird jedoch weiterhin genutzt, wenn die Armgefäße zu dünn sind oder komplexe Eingriffe geplant sind, die größere Katheter erfordern.

2. Die lokale Betäubung

Sie sind während der gesamten Untersuchung wach und ansprechbar. Eine Vollnarkose ist nicht nötig und auch nicht sinnvoll, da Sie manchmal Atemkommandos („Bitte tief einatmen und Luft anhalten“) befolgen müssen. Die Einstichstelle wird örtlich betäubt. Sie spüren einen kleinen Pieks, danach meist nur noch ein Druckgefühl, aber keinen Schmerz.

3. Der Weg zum Herzen

Über eine Schleuse (ein kleines Ventil) schiebt der Kardiologe den Katheter durch die Ader bis zum Herzen. Davon spüren Sie nichts, da die Blutgefäße innen keine Schmerzfasern haben.

4. Das Kontrastmittel und die Diagnose

Sobald der Katheter vor den Herzkranzgefäßen liegt, wird Kontrastmittel eingespritzt. Unter Durchleuchtung (Röntgen) sieht der Arzt nun die Adern wie auf einer Landkarte.

  • Das Wärmegefühl: Wenn das Kontrastmittel in die linke Herzkammer gespritzt wird („Laevokardiographie“), spüren viele Patienten für wenige Sekunden ein intensives Wärmegefühl im ganzen Körper („wie Pipi machen, nur dass es überall warm wird“). Das ist völlig normal und harmlos.

5. Die Therapie (Stent-Implantation)

Findet der Arzt eine Engstelle, kann diese oft sofort behandelt werden (PCI – Perkutane Koronarintervention).

  • Ballon-Dilatation: Ein kleiner Ballon wird an der Engstelle aufgeblasen, um das Gefäß aufzudehnen. Dies kann kurzzeitig ein Druckgefühl in der Brust verursachen.

  • Stent: Damit das Gefäß offen bleibt, wird meist eine Gefäßstütze aus Metall (Stent) eingesetzt. Moderne Stents sind medikamentenbeschichtet (Drug-Eluting Stents), um ein erneutes Zuwachsen zu verhindern.


Nach der Untersuchung

Nach Entfernung des Katheters wird die Einstichstelle versorgt.

  • Am Handgelenk: Sie erhalten eine Art Armbanduhr mit einem Luftpolster, das Druck auf die Ader ausübt. Sie dürfen meist sofort aufstehen.

  • An der Leiste: Hier wird ein Druckverband angelegt oder ein Verschlusssystem verwendet. Sie müssen danach oft 4 bis 6 Stunden flach liegen.

Wichtig: Viel Trinken! Das hilft den Nieren, das Kontrastmittel schnell wieder auszuschwemmen.


Risiken und Komplikationen

Auch wenn es ein Routineeingriff ist (in Deutschland werden jährlich über 800.000 Herzkatheter durchgeführt), ist es ein invasiver Eingriff mit Risiken. Eine evidenzbasierte Aufklärung verschweigt diese nicht.

  • Häufig: Blutergüsse (Hämatome) an der Einstichstelle. Diese sind meist harmlos, können aber unangenehm aussehen.

  • Gelegentlich: Kontrastmittel-Unverträglichkeit (Juckreiz, Hautausschlag) oder eine vorübergehende Verschlechterung der Nierenfunktion.

  • Selten (unter 1%): Verletzungen der Gefäße, Herzrhythmusstörungen, die einen Elektroschock erfordern, Schlaganfall oder Herzinfarkt während der Untersuchung.

  • Sehr selten: Notwendigkeit einer Notfall-Bypass-Operation.

Das Risiko für schwerwiegende Komplikationen ist bei einer rein diagnostischen Untersuchung extrem gering, steigt aber leicht an, wenn komplexe Gefäßaufdehnungen durchgeführt werden müssen. Dennoch: Das Risiko, einen unbehandelten Herzinfarkt zu erleiden, ist ungleich höher als das Risiko der Untersuchung!


Empfehlung von Gesundheits-Doc

Als Hausarzt rate ich: Nehmen Sie Symptome ernst, aber haben Sie keine Angst vor der Technik.

Die Herzkatheteruntersuchung ist heute so schonend wie nie zuvor. Gerade der Zugang über das Handgelenk hat den Komfort für Patienten massiv erhöht. Wenn Ihnen zu dieser Untersuchung geraten wird, dann meist, weil der Verdacht auf eine ernste Durchblutungsstörung besteht. Hier ist der Katheter alternativlos, um Klarheit zu schaffen und – was am wichtigsten ist – um einen Herzinfarkt zu verhindern oder dessen Folgen zu begrenzen.

Achten Sie im Vorfeld besonders auf Ihre Nierenwerte und besprechen Sie Ihre Diabetes-Medikation (Metformin/SGLT2-Hemmer) rechtzeitig in Ihrer Praxis. Eine gute Vorbereitung ist der halbe Erfolg.


FAQ – Die 6 häufigsten Fragen zur Herzkatheter-Untersuchung

1. Tut die Untersuchung weh? Nein, die Untersuchung selbst ist schmerzfrei, da Gefäße innen keine Schmerznerven haben. Lediglich die örtliche Betäubung an der Einstichstelle (Handgelenk oder Leiste) pikt kurz, ähnlich wie bei einer Blutabnahme. Ein leichtes Druckgefühl ist normal.

2. Wie lange dauert der Eingriff? Eine reine Diagnose dauert oft nur 15 bis 20 Minuten. Werden Stents gesetzt, kann es je nach Komplexität 45 bis 60 Minuten oder länger dauern.

3. Kann ich danach Auto fahren? Nein. Am Tag der Untersuchung dürfen Sie kein Fahrzeug führen. Organisieren Sie sich eine Abholung oder ein Taxi. Wenn Sie sediert wurden (Beruhigungsmittel), gilt das Fahrverbot oft für 24 Stunden.

4. Wie lange hält ein Stent? Ein Stent bleibt lebenslang im Körper und wächst in die Gefäßwand ein. Er muss nicht gewechselt werden. Allerdings kann sich an anderer Stelle oder (selten) im Stent erneut eine Engstelle bilden. Daher sind die Medikamente (ASS, Statine) danach extrem wichtig.

5. Bin ich danach radioaktiv verstrahlt? Nein. Es werden Röntgenstrahlen verwendet, keine radioaktiven Substanzen. Die Strahlenbelastung entspricht etwa der von einigen Hundert Röntgen-Thorax-Aufnahmen oder einer Computertomographie. Moderne Anlagen arbeiten mit gepulster Durchleuchtung, um die Dosis so gering wie möglich zu halten (ALARA-Prinzip).

6. Was passiert, wenn ich eine Allergie gegen Kontrastmittel habe? Teilen Sie dies unbedingt vorher dem Arzt mit! Es ist trotzdem möglich, die Untersuchung durchzuführen. Sie erhalten dann vorab spezielle Medikamente (Kortison und Antihistaminika), die eine allergische Reaktion unterdrücken.


Quellenbox
Für diesen Artikel wurden folgende evidenzbasierte Quellen und Leitlinien herangezogen:
  • ESC Guidelines: European Society of Cardiology (ESC) Guidelines on the diagnosis and management of chronic coronary syndromes (2019/2024 Updates).
  • Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL): Chronische KHK (Koronare Herzkrankheit).
  • Deutsche Herzstiftung e.V.: Patienteninformationen zur Herzkatheteruntersuchung.
  • Herold Innere Medizin: Standardwerk für evidenzbasierte Medizin, Kapitel Kardiologie.
  • Bayerische Landesärztekammer: Aufklärungsbögen für invasive Kardiologie

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