ISG-Syndrom: Ursachen erkennen & gezielt behandeln
- Gesundheits-Doc
- 1. Feb.
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Schmerzen im unteren Rücken gehören zu den häufigsten Beschwerden überhaupt. Nicht selten werden sie pauschal als „Lumbalgie“ oder „Hexenschuss“ bezeichnet. Eine häufige, aber oft übersehene Ursache ist das ISG-Syndrom – eine Funktionsstörung oder Reizung des Iliosakralgelenks, also der Verbindung zwischen Wirbelsäule und Becken.
Das ISG-Syndrom kann sehr schmerzhaft sein, verläuft mitunter hartnäckig und wird nicht selten mit Bandscheibenproblemen verwechselt. Gleichzeitig lässt es sich bei korrekter Diagnose meist gut behandeln. Dieser Beitrag erklärt, wie das ISG-Syndrom entsteht, warum es Beschwerden verursacht und welche Therapien wirklich sinnvoll sind.
Was ist das Iliosakralgelenk – und warum ist es so wichtig?
Das Iliosakralgelenk (ISG) verbindet das Kreuzbein mit den beiden Darmbeinen des Beckens. Es handelt sich um ein sehr stabiles Gelenk, das nur minimale Bewegungen zulässt. Diese kleinen Bewegungen sind jedoch entscheidend, um:
Kräfte zwischen Oberkörper und Beinen zu übertragen
Erschütterungen beim Gehen abzufedern
eine aufrechte Körperhaltung zu ermöglichen
Gerät dieses fein abgestimmte System aus dem Gleichgewicht, können bereits geringfügige Funktionsstörungen deutliche Schmerzen verursachen.
Was versteht man unter einem ISG-Syndrom?
Der Begriff ISG-Syndrom beschreibt schmerzhafte Beschwerden, die vom Iliosakralgelenk ausgehen. Dabei liegt meist keine strukturelle Zerstörung des Gelenks vor, sondern eine:
Blockierung
Fehlbeweglichkeit
Überlastung
entzündliche Reizung
Es handelt sich also überwiegend um ein funktionelles Problem, nicht um eine klassische Gelenkarthrose oder einen Bandscheibenvorfall.
Ursachen: Wie entsteht ein ISG-Syndrom?
Das ISG ist täglich hohen Belastungen ausgesetzt. Beschwerden entstehen meist durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren.
Häufige Auslöser sind Fehl- oder Überbelastungen. Dazu zählen ungewohnte Bewegungen, schweres Heben, ruckartige Drehungen oder längeres Sitzen in ungünstiger Haltung. Auch einseitige Belastungen, etwa durch langes Autofahren oder Arbeiten am Schreibtisch, können das Gleichgewicht im Becken stören.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Muskulatur. Verkürzte oder verspannte Muskeln im Bereich von Rücken, Gesäß und Hüfte verändern die Zugkräfte auf das ISG. Gleichzeitig kann eine schwache Rumpfmuskulatur die Stabilität des Gelenks beeinträchtigen.
Bei manchen Menschen spielen auch hormonelle Einflüsse eine Rolle. Während Schwangerschaft oder nach der Geburt ist das Bandapparat-System gelockerter, was das ISG anfälliger für Reizungen macht.
Seltener sind entzündliche Ursachen, etwa im Rahmen rheumatischer Erkrankungen. Diese müssen gezielt ausgeschlossen werden, da sie eine andere Therapie erfordern.
Typische Symptome des ISG-Syndroms
Das Beschwerdebild ist oft sehr charakteristisch, wird aber nicht immer sofort erkannt.
Die Schmerzen sitzen meist tief im unteren Rücken, häufig einseitig, knapp oberhalb des Gesäßes. Viele Betroffene beschreiben ein Ziehen oder Stechen, das in Gesäß, Leiste oder Oberschenkel ausstrahlen kann. Im Gegensatz zu Bandscheibenproblemen treten keine typischen Nervenausfälle wie Taubheit oder Lähmung auf.
Charakteristisch ist außerdem, dass sich die Schmerzen bei bestimmten Bewegungen verstärken, etwa beim:
Aufstehen aus dem Sitzen
Treppensteigen
Drehen im Bett
längeren Stehen auf einem Bein
Viele Patientinnen und Patienten berichten, dass sie keine wirklich schmerzfreie Position finden.
Warum wird das ISG-Syndrom so oft verwechselt?
Die Beschwerden ähneln stark anderen Ursachen von Rückenschmerzen, insbesondere:
Bandscheibenvorfall
Facettensyndrom
muskulären Verspannungen
Da bildgebende Verfahren wie Röntgen oder MRT beim ISG-Syndrom häufig unauffällig sind, wird die Diagnose primär klinisch gestellt. Das erfordert Erfahrung und eine gezielte körperliche Untersuchung. Wird das ISG als Schmerzquelle nicht in Betracht gezogen, bleiben Therapien oft erfolglos.
Diagnostik: Wie wird ein ISG-Syndrom festgestellt?
Die Diagnose beruht vor allem auf:
einer sorgfältigen Anamnese
der körperlichen Untersuchung
speziellen Provokations- und Bewegungstests
Bildgebung dient in erster Linie dazu, andere Ursachen auszuschließen. Erst wenn typische Befunde zusammenpassen, wird die Diagnose ISG-Syndrom gestellt. In unklaren Fällen kann eine gezielte Infiltration des Gelenks auch diagnostisch genutzt werden.
Therapie: Was hilft beim ISG-Syndrom?
Die Behandlung des ISG-Syndroms ist in den meisten Fällen konservativ und sehr erfolgversprechend. Ziel ist es, Schmerzen zu lindern, die Beweglichkeit zu normalisieren und erneute Beschwerden zu verhindern.
Eine wichtige Rolle spielt die aktive Therapie. Physiotherapie mit gezielten Mobilisations- und Kräftigungsübungen hilft, Blockierungen zu lösen und die stabilisierende Muskulatur aufzubauen. Besonders wichtig ist dabei das Training der tiefen Rumpfmuskulatur.
Manuelle Therapie kann ergänzend sinnvoll sein, um akute Blockierungen zu lösen. Sie sollte jedoch immer Teil eines Gesamtkonzepts sein und nicht als alleinige Maßnahme erfolgen.
Zur Schmerzreduktion können kurzfristig entzündungshemmende Medikamente eingesetzt werden. Sie dienen der Unterstützung, ersetzen aber keine aktive Behandlung.
In hartnäckigen Fällen kann eine gezielte Injektion in den Bereich des ISG erwogen werden. Diese wird meist unter bildgebender Kontrolle durchgeführt und kann sowohl therapeutisch als auch diagnostisch hilfreich sein.
Operative Verfahren sind beim klassischen ISG-Syndrom nur sehr selten notwendig.
Was können Betroffene selbst tun?
Ein zentraler Bestandteil der Therapie ist die Eigeninitiative. Regelmäßige Bewegung, ergonomisches Sitzen, Vermeidung einseitiger Belastungen und konsequentes Üben der erlernten Übungen sind entscheidend für den langfristigen Erfolg.
Viele Rückfälle entstehen nicht durch eine „falsche“ Behandlung, sondern durch das Absetzen der Übungen, sobald die Schmerzen nachlassen.
Verlauf und Prognose
Die Prognose des ISG-Syndroms ist insgesamt gut. Bei frühzeitiger Diagnose und konsequenter Therapie bessern sich die Beschwerden häufig innerhalb von Wochen. Chronische Verläufe sind möglich, lassen sich aber durch ein strukturiertes Behandlungskonzept meist gut kontrollieren.
Empfehlung von Gesundheits-Doc
Das ISG-Syndrom ist eine häufige, aber oft verkannte Ursache von Rückenschmerzen. Entscheidend sind eine sorgfältige klinische Diagnostik und eine aktive, auf Stabilisierung und Beweglichkeit ausgerichtete Therapie. Passive Maßnahmen allein reichen meist nicht aus. Mit gezieltem Training und konsequenter Umsetzung im Alltag lassen sich Beschwerden in den meisten Fällen deutlich lindern oder vollständig beheben.
Leidest du unter wiederkehrenden Schmerzen im unteren Rücken, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen? Nutze die Gesundheits-Doc-Orientierungshilfe „Rückenschmerzen richtig einordnen“ und sprich gezielt mit deiner Hausarztpraxis über ein mögliches ISG-Syndrom.
FAQ – Häufige Fragen (6)
1) Ist das ISG-Syndrom gefährlich? Nein, in der Regel nicht – es kann aber sehr schmerzhaft sein.
2) Sieht man das ISG-Syndrom im MRT? Oft nicht, da es sich meist um eine funktionelle Störung handelt.
3) Ist Schonung sinnvoll? Kurzzeitig ja, langfristig ist gezielte Bewegung wichtiger.
4) Kann das ISG-Syndrom chronisch werden? Ja, insbesondere ohne aktive Therapie.
5) Helfen Spritzen dauerhaft? Sie können Schmerzen lindern, ersetzen aber kein Training.
6) Wann sollte man ärztlich abklären lassen? Bei anhaltenden, einseitigen oder zunehmenden Schmerzen im unteren Rücken.
Quellenbox (Auswahl)
Deutsches Ärzteblatt: Ursachen und Therapie lumbaler Rückenschmerzen
Leitlinien zur Behandlung unspezifischer Rückenschmerzen
Aktuelle Übersichtsarbeiten zur manualtherapeutischen Behandlung des ISG
Fachliteratur zu funktionellen Beckenstörungen
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