Hexenschuss (akute Lumbago): Was hilft gegen akute Kreuzschmerzen?
- Gesundheits-Doc
- 30. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Kurz vorweg: Ein Hexenschuss ist meist ein akuter, „nicht-spezifischer“ Kreuzschmerz – sehr schmerzhaft, aber in der Regel nicht gefährlich und häufig innerhalb weniger Tage bis Wochen deutlich besser. Entscheidend sind Red Flags (Warnzeichen), frühzeitige Bewegung im schmerzarmen Rahmen und kurzfristige, passende Schmerztherapie, damit du wieder in Gang kommst. (AWMF Leitlinienregister)
1) Was ist ein Hexenschuss – und warum „schießt“ es plötzlich ein?
Als Hexenschuss bezeichnet man einen plötzlich einsetzenden Schmerz im unteren Rücken (Lendenwirbelsäule), oft nach Heben, Drehen, langem Sitzen oder „falscher Bewegung“. Häufig steckt dahinter eine Reizung von Muskeln, Bändern, kleinen Wirbelgelenken (Facettengelenken) oder eine kurzfristige Schutzspannung („Muskelkrampf“) – ohne dass man eine einzelne „kaputte Struktur“ eindeutig nachweisen kann. Genau deshalb heißt es in Leitlinien oft „nicht-spezifischer Kreuzschmerz“. (AWMF Leitlinienregister)
Typisch:
starker Schmerz im unteren Rücken, Bewegungen sind „blockiert“
häufig keine Taubheit/Schwäche im Bein
Husten/Niesen kann ziehen (Drucksteigerung)
Besserung meist innerhalb von Tagen, deutliche Erholung oft innerhalb von 2–6 Wochen (AWMF Leitlinienregister)
Wichtig: Man kann sehr starke Schmerzen haben, obwohl „nichts Schlimmes“ dahintersteckt. Umgekehrt gibt es seltene, aber ernste Ursachen – deshalb kommen die Warnzeichen im nächsten Abschnitt.
2) Warnzeichen (Red Flags): Wann du sofort ärztliche Hilfe brauchst
Bei akuter Lumbago sollte man gezielt auf Warnhinweise achten. Wenn eines davon zutrifft: nicht abwarten, sondern rasch ärztlich abklären (teils Notfall).
Sofort / Notfall
Blasen- oder Darmstörungen (z. B. Harnverhalt, Inkontinenz)
Taubheitsgefühl im „Sattelbereich“ (Genital-/Afterregion)
Zunehmende Schwäche im Bein/Fuß (z. B. „Fußheberschwäche“)→ Verdacht auf Cauda-equina-Syndrom (selten, aber dringlich).
Zeitnah ärztlich (heute/zeitnah)
Fieber, Schüttelfrost, deutliches Krankheitsgefühl (Infekt/Entzündung möglich)
Unfall/Trauma oder Sturz (Fraktur möglich)
Bekannte Tumorerkrankung, ungeklärter Gewichtsverlust, Nachtschmerz
Osteoporose oder längerfristige Kortisontherapie
Ruheschmerz, der nicht nachlässt, oder Schmerzen mit rascher Verschlechterung
3) Was du in den ersten 48 Stunden konkret tun kannst
A) Die wichtigste Maßnahme: nicht „Schonung im Bett“, sondern „aktiv bleiben“
Früher riet man oft zu Bettruhe – heute gilt: so viel Bewegung wie möglich im schmerzarmen Bereich. Das verbessert Schmerz und Funktion bei akuten Rückenschmerzen eher als Bettruhe. (Cochrane)
Praktisch heißt das:
kurze, häufige Bewegungsphasen (z. B. alle 30–60 Minuten kurz aufstehen, gehen)
Alltag anpassen (langsamer, weniger Gewicht, Hebetechnik)
Positionen wechseln statt „festhalten“
B) Wärme (oder Kälte): nimm, was dir besser tut
Viele profitieren von Wärme (Wärmflasche, Heizkissen, Wärmepflaster). Leitlinien nennen oberflächliche Wärme als sinnvolle Option bei akutem Kreuzschmerz – oft als niedrigschwelligen Start. (acponline.org)
C) Entlastende Positionen („Stufenlagerung“ & Co.)
Stufenlagerung: Rückenlage, Unterschenkel auf Stuhl/Polster, Hüfte & Knie etwa 90°
Seitenlage mit Kissen zwischen den KnienZiel: Schmerz runterregeln, damit du wieder in Bewegung kommst.
4) Medikamente: Was hilft evidenzbasiert – und was eher nicht?
Grundprinzip: Schmerzmittel sind Hilfsmittel, damit du wieder aktiv werden kannst – nicht „Dauerlösung“. (AWMF Leitlinienregister)
A) NSAR (z. B. Ibuprofen, Naproxen, Diclofenac): häufig wirksam – aber kurz & mit Augenmaß
Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) sind bei akutem Kreuzschmerz leicht wirksamer als Placebo (Schmerz/Funktion) und werden in Leitlinien häufig als Option genannt – so kurz wie möglich und unter Berücksichtigung von Risiken (Magen, Niere, Blutdruck, Herz-Kreislauf, Blutverdünner). (NICE)
Merke: niedrigste wirksame Dosis, kürzeste Dauer. Bei Risikoprofil ggf. Magenschutz/Alternative ärztlich klären.
B) Paracetamol: bei akutem Kreuzschmerz oft nicht besser als Placebo
Gute Studien (u. a. PACE-Daten) zeigen, dass Paracetamol bei akuten Kreuzschmerzen keinen relevanten Vorteil gegenüber Placebo hatte. Es kann im Einzelfall trotzdem sinnvoll sein (z. B. wenn NSAR nicht gehen), aber man sollte keine „Wunderwirkung“ erwarten. (PubMed)
C) Muskelrelaxanzien, Opioide, „starke“ Medikamente
Muskelrelaxanzien: können im Einzelfall kurzfristig Entspannung bringen, haben aber Nebenwirkungen (Müdigkeit, Sturzrisiko) – ärztlich abwägen.
Opioide: bei unspezifischem akutem Kreuzschmerz nicht erste Wahl; wenn überhaupt, dann sehr zurückhaltend und kurzzeitig, wegen Abhängigkeits-/Nebenwirkungsrisiko. (NICE)
5) Bewegung & Übungen: ein einfaches 7-Tage-Programm (ohne Geräte)
Ziel: Angst vor Bewegung abbauen, Muskulatur aktivieren, Rücken „wieder Vertrauen geben“.
Tag 1–2: „In Gang kommen“
Gehen: 3–6×/Tag 5–10 Minuten (lieber öfter kurz als selten lang)
Becken kippen in Rückenlage (kleine Bewegung): 2×/Tag 10–15 Wiederholungen
Atem + Entspannung: 2 Minuten ruhig in den Bauch atmen, Schultern locker
Tag 3–7: „Stabilisieren“
Cat-Camel (Vierfüßler, Rücken rund/hohl in kleiner Amplitude): 2×/Tag 8–12
Brücke light (Becken anheben, nur schmerzarm): 2×/Tag 8–10
Seitstütz auf Knie (oder Wandstütz): 2×/Tag 10–20 Sekunden
Wichtig: Übungen dürfen ziehen, aber nicht in Bein-Taubheit/Schwäche „kippen“. Dann stoppen und ärztlich klären.
Leitlinien betonen bei akutem Kreuzschmerz: aktiv bleiben, Selbstmanagement stärken, Bewegung fördern. (AWMF Leitlinienregister)
6) Was du besser vermeidest (typische Fehler)
Strikte Bettruhe über mehrere Tage (Cochrane)
„Durchbeißen“ ohne Pause: besser Dosierung (Pacing)
Schnell ein MRT „zur Beruhigung“ ohne Warnzeichen: Bildgebung zeigt oft Zufallsbefunde und ändert in der Akutphase selten die Therapie. (AWMF Leitlinienregister)
Passives „Durchkneten“ als alleinige Lösung: Wenn Massage/Manuelle Therapie, dann am besten kombiniert mit Aktivierung/Übungen. (acponline.org)
7) Was macht die Ärztin/der Arzt – und wann braucht man Bildgebung?
A) Diagnostik
gezielte Fragen (Beginn, Ausstrahlung, Red Flags)
Untersuchung: Beweglichkeit, Druckschmerz, neurologischer Status (Kraft, Reflexe, Gefühl), ggf. Lasègue-Test
B) Bildgebung (Röntgen/CT/MRT)
Bei nicht-spezifischem akuten Kreuzschmerz ohne Warnzeichen ist Bildgebung meist nicht nötig. Sie wird empfohlen, wenn Red Flags bestehen oder wenn der Verlauf/Neurologie eine spezifische Ursache wahrscheinlich macht. (AWMF Leitlinienregister)
8) Wann du wieder „normal“ belasten darfst – und wann Kontrolle sinnvoll ist
Guter Verlauf (typisch):
innerhalb von 3–7 Tagen spürbar besser, Beweglichkeit nimmt zu
nach 2–4 Wochen deutlich stabiler
Kontrolle/weiteres Vorgehen sinnvoll, wenn:
nach 1–2 Wochen keine klare Besserung
Schmerz bleibt so stark, dass Alltag/Schlaf dauerhaft unmöglich ist
neue Ausstrahlung ins Bein, Taubheit oder Kraftminderung entsteht (AWMF Leitlinienregister)
Quellen (Auswahl)
Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Nicht-spezifischer Kreuzschmerz, Langfassung, 2. Auflage (2017) + Leitlinienregister. (AWMF Leitlinienregister)
NICE Guideline NG59: Low back pain and sciatica in over 16s – assessment and management (last updated 11 Dec 2020). (NICE)
American College of Physicians (ACP): Noninvasive Treatments for Acute, Subacute, and Chronic Low Back Pain (Clinical Practice Guideline, 2017). (acponline.org)
Cochrane Review (2022): Advice to rest in bed versus advice to stay active for acute low-back pain and sciatica. (Cochrane)
PACE-Daten / Paracetamol: Paracetamol ineffectiveness in acute low back pain (Auswertung auf PubMed). (PubMed)
DGOU S2k Leitlinie Spezifischer Kreuzschmerz (2024) – Red Flags/Abgrenzung spezifischer Ursachen.










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