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Migräne – Formen, Prognose, Therapie

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Migräne


Migräne ist eine neurologische Erkrankung mit wiederkehrenden Attacken, die weit über „starke Kopfschmerzen“ hinausgehen. Typisch sind pulsierende Schmerzen, Licht- und Lärmempfindlichkeit, Übelkeit sowie – bei einem Teil der Betroffenen – neurologische Begleiterscheinungen (Aura). Die Erkrankung betrifft Menschen jeden Alters, häufiger Frauen, und kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Entscheidend ist ein strukturierter Behandlungsansatz, der Akuttherapie, Vorbeugung und Lebensstilfaktoren sinnvoll kombiniert. Moderne Leitlinien ermöglichen heute eine individualisierte Therapie mit deutlich besseren Erfolgsaussichten als noch vor wenigen Jahren.


1) Was ist Migräne – und wie entsteht sie?

Migräne gilt als primäre Kopfschmerzerkrankung mit genetischer Disposition. Pathophysiologisch stehen eine veränderte Reizverarbeitung im Gehirn, eine Aktivierung des trigemino-vaskulären Systems und die Freisetzung von Neuropeptiden (u. a. CGRP) im Vordergrund. Diese Prozesse führen zu Entzündungssignalen an den Hirnhäuten und zu einer gesteigerten Schmerzempfindlichkeit. Wichtig: Migräne ist keine Gefäßerkrankung im klassischen Sinn und auch kein Zeichen „schwacher Nerven“, sondern eine neurobiologische Störung.


2) Formen der Migräne (klinisch relevant)

Migräne ohne Aura ist die häufigste Form. Die Attacken dauern meist 4–72 Stunden und gehen mit einseitigem, pulsierendem Schmerz einher, der sich bei Bewegung verstärkt und von Übelkeit, Licht-/Lärmempfindlichkeit begleitet wird.

Migräne mit Aura betrifft etwa 20–30 % der Betroffenen. Vor oder zu Beginn der Kopfschmerzen treten vorübergehende neurologische Symptome auf, z. B. Flimmern, Zickzacklinien, Gesichtsfeldausfälle, seltener Sprach- oder Sensibilitätsstörungen. Die Aura bildet sich vollständig zurück.

Chronische Migräne liegt vor, wenn an ≥15 Tagen/Monat Kopfschmerzen bestehen, davon ≥8 Tage migränetypisch – über mindestens 3 Monate. Diese Form ist besonders belastend und erfordert meist eine konsequente Prophylaxe.

Sonderformen (z. B. menstruelle Migräne, vestibuläre Migräne mit Schwindel, hemiplegische Migräne) sind seltener, aber therapeutisch relevant, da sie spezifische Strategien erfordern.


3) Trigger, Auslöser und Fehldeutungen

Viele Betroffene berichten über Trigger wie Stress, Schlafmangel, hormonelle Schwankungen, Wetterwechsel oder bestimmte Nahrungsmittel. Wichtig ist eine realistische Einordnung: Trigger sind individuell und nicht immer eindeutig. Ein Migränetagebuch hilft, Muster zu erkennen, ohne in unnötige Vermeidungsstrategien zu verfallen. Häufige Fehldeutung ist, dass jede Attacke „vermeidbar“ sei – das erhöht Druck und Frustration. Ziel ist Kontrolle, nicht vollständige Eliminierung aller Auslöser.


4) Diagnostik: Was ist nötig – und was nicht?

Die Migränediagnose ist klinisch. Entscheidend sind Anamnese und der typische Verlauf. Bildgebung (CT/MRT) ist nicht routinemäßig erforderlich, sondern nur bei Warnzeichen (z. B. erstmalige, sehr starke Kopfschmerzen, neurologische Ausfälle ohne Rückbildung, Fieber, Bewusstseinsstörungen, deutliche Veränderung des Kopfschmerzcharakters). Eine strukturierte Abklärung verhindert Überdiagnostik und entlastet Betroffene.


5) Akuttherapie: Attacken wirksam behandeln

Ziel der Akuttherapie ist eine rasche, zuverlässige Linderung.

  • NSAR (z. B. Ibuprofen, Naproxen) sind bei leichten bis mittelstarken Attacken wirksam.

  • Triptane sind spezifische Migränemittel und bei mittel- bis schweren Attacken Mittel der Wahl. Sie wirken am besten, wenn sie früh in der Attacke eingenommen werden.

  • Antiemetika können Übelkeit lindern und die Resorption verbessern.

Wichtig ist die Begrenzung der Einnahmefrequenz, um einen medikamenteninduzierten Kopfschmerz zu vermeiden (Faustregel: Akutmedikamente nicht an >10 Tagen/Monat).


6) Prophylaxe: Attacken seltener und milder machen

Eine Prophylaxe ist sinnvoll bei häufigen, schweren oder stark beeinträchtigenden Attacken. Evidenzbasierte Optionen sind:

  • Klassische Medikamente (z. B. Betablocker, Topiramat, Amitriptylin)

  • CGRP-gerichtete Therapien (monoklonale Antikörper) mit guter Wirksamkeit und meist guter Verträglichkeit

  • Botulinumtoxin bei chronischer Migräne

  • Nicht-medikamentöse Maßnahmen: Ausdauertraining, Entspannung, Schlafhygiene, Verhaltenstherapie

Die Auswahl erfolgt individuell nach Wirksamkeit, Verträglichkeit, Begleiterkrankungen und Lebenssituation.


7) Prognose: Was Betroffene erwarten können

Migräne ist meist chronisch-rezidivierend, der Verlauf aber variabel. Viele Menschen erleben Phasen mit deutlicher Besserung, andere benötigen langfristige Strategien. Mit moderner Therapie lassen sich Häufigkeit und Schwere oft deutlich reduzieren. Entscheidend sind realistische Ziele, eine gute Arzt-Patient-Kommunikation und regelmäßige Verlaufskontrollen.


Gesundheits-Doc Empfehlung

Migräne ist behandelbar. Wenn Attacken häufig sind, Medikamente nicht ausreichend helfen oder die Lebensqualität leidet, lohnt sich eine strukturierte Neubewertung und ggf. eine moderne Prophylaxe. Frühzeitige, evidenzbasierte Strategien verhindern Chronifizierung und unnötige Einschränkungen.


👉 Migräne-Check: Wie viele Attacken hattest du im letzten Monat? Wie oft brauchst du Akutmedikamente?👉 Nächster Schritt: Sprich mit deiner Ärztin/deinem Arzt über individuelle Akut- und Prophylaxestrategien – teile diesen Beitrag mit Menschen, die „nur Kopfschmerzen“ sagen.


FAQ (6 häufige Fragen)

1) Ist Migräne heilbar? Migräne ist meist nicht heilbar, aber sehr gut behandelbar. Ziel ist eine deutliche Reduktion von Häufigkeit und Schwere.

2) Sind Triptane gefährlich? Bei richtiger Indikation und Beachtung von Gegenanzeigen sind Triptane gut untersucht und sicher.

3) Wann brauche ich eine Prophylaxe? Bei häufigen Attacken, starker Beeinträchtigung oder hohem Akutmedikamentenbedarf.

4) Können Hormone Migräne beeinflussen? Ja, besonders bei menstrueller Migräne spielen hormonelle Schwankungen eine Rolle.

5) Hilft Sport wirklich? Regelmäßiger moderater Ausdauersport senkt nachweislich die Migränehäufigkeit.

6) Was ist ein Medikamentenübergebrauchskopfschmerz? Ein Kopfschmerz durch zu häufige Einnahme von Akutmedikamenten – vermeidbar durch Einnahmebegrenzung.


Quellenbox (Auswahl)
  • Leitlinien der Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG)
  • European Headache Federation (EHF): Empfehlungen zur Migränebehandlung
  • NICE Guideline: Headaches in over 12s – diagnosis and management
  • Aktuelle Übersichtsarbeiten zu CGRP-Therapien (Lancet Neurology, Cephalalgia)

Die auf der Seite Gesundheits-Doc wiedergegebenen Inhalte dienen der allgemeinen Information zu gesundheitsbezogenen Themen und ersetzen keine ärztliche Konsultation.

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