Myokarditis - Ursachen und Therapie
- Gesundheits-Doc
- 21. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
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Myokarditis bedeutet eine Entzündung des Herzmuskels. Das Heimtückische: Sie kann sehr unterschiedlich verlaufen. Manche Menschen merken kaum mehr als einen Leistungsknick nach einem Infekt, andere entwickeln ausgeprägte Luftnot, Herzrhythmusstörungen oder – selten – einen fulminanten Verlauf mit Kreislaufversagen. Genau deshalb ist das Thema wichtig: Nicht, um Angst zu machen, sondern um Warnzeichen zu erkennen, richtig zu diagnostizieren und konsequent zu behandeln. Moderne Leitlinien betonen dabei eine strukturierte Einordnung nach Schweregrad (unkompliziert vs. kompliziert/fulminant) sowie eine klare Nachsorge – insbesondere mit Blick auf Rhythmusrisiken und Sportfähigkeit. (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
1) Was ist eine Myokarditis – und was passiert im Herzen?
Bei einer Myokarditis reagiert das Immunsystem im Herzmuskelgewebe. Auslöser kann ein Erreger sein (häufig viral), aber auch eine fehlgeleitete Immunreaktion, eine Autoimmunerkrankung oder (selten) eine Medikamenten-/Therapie-Nebenwirkung. Im Verlauf kann es zu Schwellung (Ödem), Zellschädigung und – je nach Ausprägung – zu Narbenbildung kommen. Narben sind medizinisch relevant, weil sie später Rhythmusstörungen begünstigen können. Für die klinische Praxis heißt das: Myokarditis ist nicht nur „ein Infekt am Herzen“, sondern eine Erkrankung, die je nach Aktivität und Narbenlast sehr unterschiedliche Konsequenzen haben kann. (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
2) Ursachen und Risikofaktoren (praxisnah eingeordnet)
Viren gelten in vielen Regionen als häufige Auslöser. Typisch ist die zeitliche Nähe zu einem Atemwegs- oder Magen-Darm-Infekt: erst grippaler Infekt, dann Tage bis wenige Wochen später Brustschmerz, Luftnot oder Palpitationen. Wichtig: Ein „positiver Virusbefund“ allein beweist nicht immer die Ursache – entscheidend ist das Gesamtbild aus Symptomen, Verlauf und Untersuchungen. (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
Autoimmun/entzündliche Systemerkrankungen (z. B. Sarkoidose, Vaskulitiden) können ebenfalls eine Myokarditis verursachen. Hier sind häufig weitere Hinweise vorhanden (z. B. Gelenkbeschwerden, Hautzeichen, Augenbeteiligung, auffällige Entzündungswerte, bekannte Grunderkrankung). (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
Medikamenten- und therapieassoziierte Myokarditis ist selten, aber klinisch bedeutsam – besonders bei bestimmten onkologischen Immuntherapien (z. B. Checkpoint-Inhibitoren). In solchen Konstellationen ist frühes Erkennen entscheidend, weil das therapeutische Vorgehen sich deutlich unterscheiden kann. (jacc.org)
Nach Impfungen wurden seltene Myokarditisfälle beschrieben (u. a. nach mRNA-COVID-19-Impfung, häufiger bei Jugendlichen/jungen Männern). Die klinische Botschaft für Betroffene ist vor allem: Symptome ernst nehmen und abklären lassen; viele Verläufe sind mild und bessern sich unter Schonung und Therapie. (CDC)
3) Symptome: von subtil bis Notfall
Die Beschwerden können unspezifisch sein. Häufig sind:
Brustschmerz (stechend oder drückend, manchmal belastungsabhängig)
Atemnot (bei Belastung oder in Ruhe)
Herzrasen/Herzstolpern
ungewöhnlicher Leistungsknick, schnelle Erschöpfbarkeit
teils Fieber oder anhaltendes Krankheitsgefühl nach Infekt
Wichtig ist die Abgrenzung zum Herzinfarkt: Symptome und auch EKG/Labor können sich überlappen. Deshalb gilt: Akute Brustschmerzen gehören zeitnah ärztlich abgeklärt. Leitlinien beschreiben die „klassischen Präsentationen“ der Myokarditis als Brustschmerz, Herzinsuffizienz/Schock oder arrhythmiebezogene Symptome. (jacc.org)
Red Flags (sofortige Abklärung/Notfall):
starke, anhaltende Brustschmerzen
Luftnot in Ruhe, rasche Verschlechterung
Ohnmacht/Beinahe-Ohnmacht
anhaltendes Herzrasen, neuartige Rhythmusstörungen
niedriger Blutdruck, kaltschweißig, Verwirrtheit (Schockzeichen) (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
4) Diagnostik: welche Untersuchungen wirklich zählen
In der Praxis ergibt sich die Diagnose meist aus Symptomen + Verlauf + Befunden. Typische Bausteine:
EKG: kann unauffällig sein, kann aber auch ST-/T-Veränderungen, Extrasystolen oder Leitungsstörungen zeigen. Labor: Troponin (Hinweis auf Herzmuskelzellschädigung), ggf. BNP/NT-proBNP (Herzbelastung), Entzündungswerte, Blutbild u. a.Echokardiografie: Pumpfunktion, Wandbewegungen, ggf. Perikarderguss. Kardio-MRT (CMR): heute sehr wichtig, weil es Entzündung/Ödem und Narbenmuster abbilden kann. Die 2018 aktualisierten Lake-Louise-Kriterien standardisieren die MRT-Diagnose akuter/aktiver Myokarditis (u. a. mit Mapping-Techniken). (jacc.org)
Endomyokardbiopsie (EMB): nicht Routine für alle, aber in ausgewählten Fällen entscheidend (z. B. schwerer/unklarer Verlauf, Verdacht auf spezielle Formen, Therapieentscheidung). Moderne Leitlinien betonen diese „zielgerichtete“ Indikationsstellung. (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
5) Therapie: Schonung, Komplikationen behandeln, Ursachen gezielt angehen
Die Therapie richtet sich nach Schweregrad und wahrscheinlicher Ursache. Ein wichtiger Grundsatz aus Leitlinien und Konsensuspapieren lautet praktisch:
Belastung stoppen,
Komplikationen behandeln,
spezifische Ursachen nur gezielt therapieren. (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
5.1 Konsequente körperliche Schonung
Das ist einer der wichtigsten Therapiebausteine. Körperliche Belastung kann Entzündung und Rhythmusrisiko verschärfen. Häufig wird eine Sportpause von mindestens 3–6 Monaten empfohlen – abhängig von Symptomen, Herzfunktion, Rhythmusbefunden und MRT-Befunden, mit anschließender Re-Evaluation (z. B. Echo, 24h-EKG/Holter, ggf. Belastungstest/CMR). (American College of Cardiology)
5.2 Behandlung von Herzinsuffizienz und Rhythmusstörungen
Wenn die Pumpfunktion eingeschränkt ist oder Zeichen der Herzschwäche bestehen, erfolgt die Behandlung grundsätzlich leitlinienorientiert wie bei Herzinsuffizienz (individuell nach Blutdruck, Nierenfunktion und klinischem Status). Rhythmusstörungen werden je nach Typ behandelt; bei höherem Risiko kann eine stationäre Überwachung sinnvoll sein. (jacc.org)
5.3 Entzündungshemmung/Immuntherapie: nicht automatisch Standard
Ein häufiger Irrtum ist „Myokarditis = Kortison“. Bei vermuteter viraler Myokarditis ist eine pauschale Immunsuppression nicht automatisch angezeigt. Immunmodulierende Therapien kommen eher bei spezifischen Entitäten (z. B. autoimmun, therapieassoziiert, besondere histologische Formen) in Betracht – oft nach klarer Diagnosesicherung. (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
5.4 Fulminante Myokarditis (Intensivmedizin)
Bei fulminanten Verläufen kann es sehr schnell zu schwerer Herzschwäche und Schock kommen. Dann sind Intensivmaßnahmen bis hin zu mechanischer Kreislaufunterstützung nötig (z. B. „Bridge to Recovery“). Leitlinien betonen hier das rasche Erkennen und die Behandlung in erfahrenen Zentren. (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
6) Prognose und Nachsorge: was nach der Akutphase wichtig ist
Viele Betroffene erholen sich vollständig – besonders, wenn der Verlauf mild ist und konsequent geschont wurde. Dennoch ist Nachsorge wichtig, weil bei einem Teil eine anhaltende Einschränkung der Pumpfunktion oder Narbenbildung bestehen kann, was das Rhythmusrisiko beeinflusst. Das Kardio-MRT kann dabei nicht nur diagnostisch, sondern auch prognostisch relevant sein (z. B. Narbenmarker). (jacc.org)
Praxisnaher Nachsorge-Fokus:
Verlauf der Beschwerden und Belastbarkeit
Echo-Kontrollen (Pumpfunktion)
EKG/Holter bei Palpitationen oder nach kompliziertem Verlauf
Sportfreigabe erst nach ärztlicher Re-Evaluation (häufig nach 3–6 Monaten) (American College of Cardiology)
Gesundheits-Doc Empfehlung
Wenn du in den Wochen nach einem Infekt Brustschmerzen, Luftnot, Herzstolpern oder einen ungewöhnlichen Leistungseinbruch bemerkst: Lass das zeitnah abklären (EKG, Troponin, Echo – je nach Befund weiterführend). Und wenn eine Myokarditis vermutet oder bestätigt wird, gilt: Schonung ist Therapie – und zwar konsequent, nicht „halb“. (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
👉 Selbst-Check: Hattest du in den letzten 2–4 Wochen einen Infekt und jetzt Brustschmerz, Atemnot oder Herzstolpern? Dann lass es heute ärztlich abklären.👉 Teile diesen Beitrag mit Menschen, die „Sport trotz Infekt“ unterschätzen – das kann im Einzelfall entscheidend sein.
FAQ (6 häufige Fragen)
1) Ist Myokarditis immer gefährlich? Nein. Viele Verläufe sind mild. Gefährlicher wird es bei Rhythmusstörungen, Pumpfunktionsstörung oder fulminantem Verlauf – deshalb sind Red Flags und Kontrollen wichtig. (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
2) Kann ich eine Myokarditis „auskurieren“, wenn ich mich nur etwas schone?Bei Verdacht reicht „ein bisschen“ Schonung oft nicht. Leitlinien betonen eine konsequente Belastungspause und kontrollierte Rückkehr zur Aktivität. (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
3) Wie wird die Diagnose gesichert? Meist durch Kombination aus Klinik, EKG, Troponin, Echo und – häufig entscheidend – Kardio-MRT nach standardisierten Kriterien. (jacc.org)
4) Wann braucht man eine Biopsie? Vor allem bei schweren, unklaren oder therapieentscheidenden Verläufen bzw. Verdacht auf spezielle Myokarditis-Formen. (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
5) Warum soll ich keinen Sport machen? Belastung kann Entzündung und Rhythmusrisiko verschärfen. Häufig wird eine Sportpause von 3–6 Monaten mit Re-Evaluation empfohlen. (American College of Cardiology)
6) Myokarditis nach COVID-19-Impfung: Was sollte ich wissen? Sie ist selten. Bei Symptomen wie Brustschmerz, Luftnot oder Palpitationen sollte eine Abklärung erfolgen; entsprechende klinische Hinweise finden sich in den CDC-Clinician-Guidance-Seiten. (CDC)
Quellenbox (Auswahl)
European Society of Cardiology (ESC): 2025 ESC Guidelines – Myocarditis & Pericarditis (IMPS) (Europäische Gesellschaft für Kardiologie)
American College of Cardiology (ACC): 2024 Expert Consensus Decision Pathway – Key Points (American College of Cardiology)
JACC Scientific Expert Panel: Update Lake Louise Criteria 2018 (CMR-Diagnostik) (jacc.org)
CDC: Clinical Considerations – Myocarditis after COVID-19 Vaccines (CDC)
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