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Neurodermitis – Wenn die Haut juckt

Aktualisiert: 9. Jan.

Neurodermitis


Neurodermitis (medizinisch: atopische Dermatitis, auch „atopisches Ekzem“) ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung. Typisch sind starker Juckreiz, trockene Haut und schubweise Ekzeme. Viele Betroffene erleben Phasen mit nahezu beschwerdefreier Haut – und dann wieder Schübe, die Schlaf, Alltag und Wohlbefinden deutlich belasten.

Die gute Nachricht: Mit einer konsequenten Basistherapie, einer klaren Schub-Strategie und – falls nötig – modernen entzündungshemmenden Therapien lässt sich Neurodermitis heute meist gut kontrollieren.


1) Was passiert bei Neurodermitis in der Haut?

Neurodermitis ist mehr als „trockene Haut“:

  • Gestörte Hautbarriere: Die Haut verliert leichter Feuchtigkeit, wird trocken und empfindlich; Reizstoffe und Allergene dringen leichter ein.

  • Überreaktion des Immunsystems: Entzündungsbotenstoffe treiben Rötung, Ekzem und Juckreiz an.

  • Juckreiz-Kratz-Teufelskreis: Juckreiz → Kratzen → mehr Entzündung → noch mehr Juckreiz.

Genetik (Atopie-Veranlagung), Umweltfaktoren und das Hautmikrobiom spielen zusammen.


2) Typische Symptome: Woran erkennt man Neurodermitis?

Häufige Zeichen:

  • Trockene, raue Haut, „Spannungsgefühl“

  • Juckreiz (oft abends/nachts stärker)

  • Rötliche, nässende oder schuppende Ekzeme

  • Verdickte Haut durch chronisches Kratzen (Lichenifikation)

  • Typische Stellen (je nach Alter):

    • Säuglinge: Gesicht/Kopfhaut, Streckseiten

    • Kinder: Beugen (Ellenbeuge, Kniekehle), Hals

    • Erwachsene: Hände, Gesicht/Hals, Beugen, teils großflächig

Wichtig: Neurodermitis ist nicht ansteckend.


3) Auslöser und Trigger: Warum kommen Schübe?

Viele Schübe haben mehrere Auslöser gleichzeitig. Häufig sind:

  • Trockenheit/Kälte, Heizungsluft, schnelles Temperaturwechseln

  • Schwitzen, Sport ohne anschließendes Abduschen/Eincremen

  • Reizstoffe: Duftstoffe, aggressive Seifen, Wollkleidung, Scheuern

  • Stress und Schlafmangel

  • Infekte (v. a. bei Kindern)

  • Allergien (z. B. Pollen, Hausstaubmilben) – nicht immer, aber manchmal relevant

  • Hautinfektionen: bakterielle Superinfektion (z. B. Staphylococcus aureus) kann Schübe verstärken

Praxis-Tipp: Ein Trigger-Tagebuch (Wetter, Stress, Kleidung, neue Produkte, Ernährung bei Verdacht) hilft oft mehr als „alles weglassen“.


4) Diagnose: Was macht die Ärztin/der Arzt?

Die Diagnose ist meist klinisch (Anamnese + Hautbefund). Ergänzend – je nach Situation:

  • Fragen nach Asthma/Heuschnupfen (atopische Erkrankungen)

  • Ausschluss anderer Ursachen: z. B. Kontaktekzem, Krätze, Psoriasis

  • Bei Verdacht: Allergiediagnostik (Pricktest/IgE) oder Epikutantest (Kontaktallergie)

  • Bei häufigen Infekten/Herpes: gezielte Beratung, ggf. Abstrich


5) Therapie: Was hilft wirklich?

Die moderne Behandlung folgt einem Stufenprinzip: Basistherapie für alle + „hochfahren“ bei Schub oder stärkerer Erkrankung.


A) Die Basis, die fast immer unterschätzt wird: Eincremen (Emollients)

Rückfettende Pflege ist die Grundlage – auch wenn die Haut gerade „gut“ aussieht.

  • 1–2× täglich cremen (im Schub öfter)

  • Duftstofffrei, reizarm; Salben/Creme je nach Trockenheit

  • Nach dem Duschen: 3-Minuten-Regel (sanft abtupfen, direkt eincremen)

Bei Kindern betont NICE: Emollients sind Basis und sollen immer genutzt werden, unabhängig vom aktuellen Schub.

B) Schubtherapie: Entzündung gezielt stoppen

Wenn Ekzeme aktiv sind, reicht Pflege allein oft nicht.

1) Topische Kortikosteroide („Cortisoncreme“)

  • Wirksam gegen Entzündung und Juckreiz

  • Potenz wird nach Körperstelle (Gesicht vs. Körper), Schweregrad und Alter gewählt

  • Häufig: 1× täglich oder 1–2× täglich, dann Ausschleichen/Intervall („Wochenend-Therapie“)

Richtig eingesetzt sind topische Steroide in Leitlinien zentral – wichtig sind Anwendungstechnik und passende Stärke.

2) Topische Calcineurin-Inhibitoren (Tacrolimus/Pimecrolimus)

  • Besonders geeignet für Gesicht, Hals, Hautfalten, wenn Steroide ungünstig sind

  • Brennen/Wärmegefühl zu Beginn möglich

  • Häufig auch zur Schubprophylaxe (z. B. 2×/Woche)

Aktuelle Empfehlungen bewerten sie als wirksame Option; Sicherheitsdaten werden fortlaufend betrachtet.

3) Wet-Wraps / Umschläge

Bei starkem Schub (v. a. Kinder) können feuchte Verbände kurzfristig sehr helfen – idealerweise nach Anleitung.

C) Juckreiz: Was hilft nachts?

  • Kühlen (Coolpack in Tuch, kurzzeitig), lauwarm duschen statt heiß

  • Fingernägel kurz, ggf. Baumwollhandschuhe nachts

  • Ablenkung & „Alternativ-Kratzen“: drücken, klopfen, reiben statt aufkratzen

  • Schlafhygiene (feste Zeiten, dunkler Raum)

Antihistaminika helfen bei Neurodermitis nicht routinemäßig gegen den Juckreiz; bei einzelnen Konstellationen (z. B. urtikarieller Juckreiz) können sie testweise sinnvoll sein – Leitlinien sind hier zurückhaltend.

D) Infektionen erkennen und behandeln

Ein Ekzem kann „kippen“ (Superinfektion). Hinweise:

  • Zunehmende Rötung, Wärme, Schmerzen

  • Gelbliche Krusten, Nässen, übler Geruch

  • Fieber/Krankheitsgefühl

Dann sollte ärztlich geprüft werden, ob z. B. eine antiseptische oder antibiotische Therapie nötig ist.

Achtung: Bei plötzlich schmerzhaften Bläschen (Herpes) – besonders im Gesicht – ist rasche Abklärung wichtig.


6) Wenn die Neurodermitis mittel bis schwer ist: Moderne Therapien

Bei anhaltend ausgeprägten Beschwerden trotz konsequenter Basis- und Lokaltherapie kommen weitere Optionen in Betracht:

Phototherapie (UV)

Kann bei geeigneten Patienten wirksam sein – wird ärztlich gesteuert.

Systemische Therapien (Tabletten/Spritzen)

Hierzu gehören:

  • Biologika (z. B. Dupilumab, Tralokinumab; je nach Zulassung/Alter)

  • JAK-Inhibitoren (z. B. Upadacitinib, Abrocitinib, Baricitinib) – wirksam, aber mit wichtigen Sicherheitsaspekten und Monitoring

  • Klassische Immunsuppressiva (z. B. Ciclosporin) in ausgewählten Situationen

Die AAD-Leitlinien nennen für Erwachsene mit refraktärer Erkrankung mehrere Biologika und JAK-Inhibitoren als starke/empfohlene Optionen, wenn topische Therapie nicht ausreicht.Auch EuroGuiDerm führt systemische Optionen als wichtigen Bestandteil bei moderater bis schwerer atopischer Dermatitis.


7) Alltagstipps: Neurodermitis-freundliche Routine

Kleidung

  • Baumwolle/Seide, eher „atmungsaktiv“

  • Wolle und kratzige Nähte meiden; neue Kleidung waschen

Waschen & Duschen

  • Kurz, lauwarm, pH-hautneutral, wenig Tenside

  • Parfumfreie Produkte; nach dem Waschen eincremen

Sport

  • Ja! Danach: Schweiß abspülen, Pflege auftragen

Stress

  • Schübe werden häufig durch Stress verstärkt: Entspannung, Pausen, Schlafpriorität

Ernährung

  • Keine pauschalen Verbote. Nur bei klarer Reaktion/Verdacht gezielt abklären (sonst drohen unnötige Restriktionen).


8) 7-Tage-Schubplan (praktisch)

Tag 1–2

  • Pflege intensivieren (2×/Tag)

  • Entzündungshemmer nach ärztlicher Empfehlung konsequent auf aktive Stellen

  • Trigger reduzieren (Wärme, Schwitzen, Duftstoffe)

Tag 3–5

  • Bei Besserung: Intervall-/Ausschleichschema

  • Juckreizmanagement nachts (kühlen, Nägel, Handschuhe)

Tag 6–7

  • Rückkehr zur Basisroutine

  • Proaktive Therapie an „Problemstellen“ (z. B. 2×/Woche) nur nach Plan

Wenn nach 7 Tagen keine klare Besserung: ärztliche Kontrolle.


9) Warnzeichen: Wann solltest du ärztlich abklären lassen?

  • Starke Schmerzen, Fieber, rasche Ausbreitung

  • Gelbe Krusten, deutliche Eiterzeichen

  • Bläschen/Herpesverdacht (v. a. im Gesicht/Auge)

  • Schlaf massiv gestört über Tage

  • Häufige Schübe oder großflächige Ekzeme trotz guter Basistherapie


Empfehlung von Gesundheits-Doc

Neurodermitis ist oft hartnäckig – aber: Mit konsequenter Basistherapie, einer klaren Schubstrategie und guter Anleitung bekommst du die Kontrolle zurück. Wenn du unsicher bist, lass dir in der Praxis die richtige Creme-Menge, die passende Wirkstärke und einen Stufenplan zeigen – das macht in der Wirkung oft den größten Unterschied.


👉 Mehr Klarheit für deinen Alltag: Lies den Artikel in Ruhe, speichere ihn ab und teile ihn mit jemandem, der unter Juckreiz/Ekzemen leidet. Wenn du möchtest, erstelle ich dir als nächstes eine druckbare „Neurodermitis-Schub-Checkliste“ + Trigger-Tagebuch.


Quellenbox (Auswahl)
  • AWMF-Leitlinienregister: S3-Leitlinie Atopische Dermatitis (013-027), Version 2023.
  • EuroGuiDerm: European Guideline on Atopic Eczema – Living update.
  • American Academy of Dermatology (AAD): Atopic dermatitis clinical guidelines (topische Therapie / systemische Therapie-Updates).
  • NICE: Atopic eczema in under 12s – diagnosis and management (CG57) inkl. Updates (z. B. Bath emollients).
  • AAAAI / Joint Task Force: Atopic dermatitis guideline (2023) (Therapie-Empfehlungen, Evidenzübersichten).

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