Neurodermitis – Wenn die Haut juckt
- Gesundheits-Doc
- 9. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Jan.

Neurodermitis (medizinisch: atopische Dermatitis, auch „atopisches Ekzem“) ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung. Typisch sind starker Juckreiz, trockene Haut und schubweise Ekzeme. Viele Betroffene erleben Phasen mit nahezu beschwerdefreier Haut – und dann wieder Schübe, die Schlaf, Alltag und Wohlbefinden deutlich belasten.
Die gute Nachricht: Mit einer konsequenten Basistherapie, einer klaren Schub-Strategie und – falls nötig – modernen entzündungshemmenden Therapien lässt sich Neurodermitis heute meist gut kontrollieren.
1) Was passiert bei Neurodermitis in der Haut?
Neurodermitis ist mehr als „trockene Haut“:
Gestörte Hautbarriere: Die Haut verliert leichter Feuchtigkeit, wird trocken und empfindlich; Reizstoffe und Allergene dringen leichter ein.
Überreaktion des Immunsystems: Entzündungsbotenstoffe treiben Rötung, Ekzem und Juckreiz an.
Juckreiz-Kratz-Teufelskreis: Juckreiz → Kratzen → mehr Entzündung → noch mehr Juckreiz.
Genetik (Atopie-Veranlagung), Umweltfaktoren und das Hautmikrobiom spielen zusammen.
2) Typische Symptome: Woran erkennt man Neurodermitis?
Häufige Zeichen:
Trockene, raue Haut, „Spannungsgefühl“
Juckreiz (oft abends/nachts stärker)
Rötliche, nässende oder schuppende Ekzeme
Verdickte Haut durch chronisches Kratzen (Lichenifikation)
Typische Stellen (je nach Alter):
Säuglinge: Gesicht/Kopfhaut, Streckseiten
Kinder: Beugen (Ellenbeuge, Kniekehle), Hals
Erwachsene: Hände, Gesicht/Hals, Beugen, teils großflächig
Wichtig: Neurodermitis ist nicht ansteckend.
3) Auslöser und Trigger: Warum kommen Schübe?
Viele Schübe haben mehrere Auslöser gleichzeitig. Häufig sind:
Trockenheit/Kälte, Heizungsluft, schnelles Temperaturwechseln
Schwitzen, Sport ohne anschließendes Abduschen/Eincremen
Reizstoffe: Duftstoffe, aggressive Seifen, Wollkleidung, Scheuern
Stress und Schlafmangel
Infekte (v. a. bei Kindern)
Allergien (z. B. Pollen, Hausstaubmilben) – nicht immer, aber manchmal relevant
Hautinfektionen: bakterielle Superinfektion (z. B. Staphylococcus aureus) kann Schübe verstärken
Praxis-Tipp: Ein Trigger-Tagebuch (Wetter, Stress, Kleidung, neue Produkte, Ernährung bei Verdacht) hilft oft mehr als „alles weglassen“.
4) Diagnose: Was macht die Ärztin/der Arzt?
Die Diagnose ist meist klinisch (Anamnese + Hautbefund). Ergänzend – je nach Situation:
Fragen nach Asthma/Heuschnupfen (atopische Erkrankungen)
Ausschluss anderer Ursachen: z. B. Kontaktekzem, Krätze, Psoriasis
Bei Verdacht: Allergiediagnostik (Pricktest/IgE) oder Epikutantest (Kontaktallergie)
Bei häufigen Infekten/Herpes: gezielte Beratung, ggf. Abstrich
5) Therapie: Was hilft wirklich?
Die moderne Behandlung folgt einem Stufenprinzip: Basistherapie für alle + „hochfahren“ bei Schub oder stärkerer Erkrankung.
A) Die Basis, die fast immer unterschätzt wird: Eincremen (Emollients)
Rückfettende Pflege ist die Grundlage – auch wenn die Haut gerade „gut“ aussieht.
1–2× täglich cremen (im Schub öfter)
Duftstofffrei, reizarm; Salben/Creme je nach Trockenheit
Nach dem Duschen: 3-Minuten-Regel (sanft abtupfen, direkt eincremen)
Bei Kindern betont NICE: Emollients sind Basis und sollen immer genutzt werden, unabhängig vom aktuellen Schub.
B) Schubtherapie: Entzündung gezielt stoppen
Wenn Ekzeme aktiv sind, reicht Pflege allein oft nicht.
1) Topische Kortikosteroide („Cortisoncreme“)
Wirksam gegen Entzündung und Juckreiz
Potenz wird nach Körperstelle (Gesicht vs. Körper), Schweregrad und Alter gewählt
Häufig: 1× täglich oder 1–2× täglich, dann Ausschleichen/Intervall („Wochenend-Therapie“)
Richtig eingesetzt sind topische Steroide in Leitlinien zentral – wichtig sind Anwendungstechnik und passende Stärke.
2) Topische Calcineurin-Inhibitoren (Tacrolimus/Pimecrolimus)
Besonders geeignet für Gesicht, Hals, Hautfalten, wenn Steroide ungünstig sind
Brennen/Wärmegefühl zu Beginn möglich
Häufig auch zur Schubprophylaxe (z. B. 2×/Woche)
Aktuelle Empfehlungen bewerten sie als wirksame Option; Sicherheitsdaten werden fortlaufend betrachtet.
3) Wet-Wraps / Umschläge
Bei starkem Schub (v. a. Kinder) können feuchte Verbände kurzfristig sehr helfen – idealerweise nach Anleitung.
C) Juckreiz: Was hilft nachts?
Kühlen (Coolpack in Tuch, kurzzeitig), lauwarm duschen statt heiß
Fingernägel kurz, ggf. Baumwollhandschuhe nachts
Ablenkung & „Alternativ-Kratzen“: drücken, klopfen, reiben statt aufkratzen
Schlafhygiene (feste Zeiten, dunkler Raum)
Antihistaminika helfen bei Neurodermitis nicht routinemäßig gegen den Juckreiz; bei einzelnen Konstellationen (z. B. urtikarieller Juckreiz) können sie testweise sinnvoll sein – Leitlinien sind hier zurückhaltend.
D) Infektionen erkennen und behandeln
Ein Ekzem kann „kippen“ (Superinfektion). Hinweise:
Zunehmende Rötung, Wärme, Schmerzen
Gelbliche Krusten, Nässen, übler Geruch
Fieber/Krankheitsgefühl
Dann sollte ärztlich geprüft werden, ob z. B. eine antiseptische oder antibiotische Therapie nötig ist.
Achtung: Bei plötzlich schmerzhaften Bläschen (Herpes) – besonders im Gesicht – ist rasche Abklärung wichtig.
6) Wenn die Neurodermitis mittel bis schwer ist: Moderne Therapien
Bei anhaltend ausgeprägten Beschwerden trotz konsequenter Basis- und Lokaltherapie kommen weitere Optionen in Betracht:
Phototherapie (UV)
Kann bei geeigneten Patienten wirksam sein – wird ärztlich gesteuert.
Systemische Therapien (Tabletten/Spritzen)
Hierzu gehören:
Biologika (z. B. Dupilumab, Tralokinumab; je nach Zulassung/Alter)
JAK-Inhibitoren (z. B. Upadacitinib, Abrocitinib, Baricitinib) – wirksam, aber mit wichtigen Sicherheitsaspekten und Monitoring
Klassische Immunsuppressiva (z. B. Ciclosporin) in ausgewählten Situationen
Die AAD-Leitlinien nennen für Erwachsene mit refraktärer Erkrankung mehrere Biologika und JAK-Inhibitoren als starke/empfohlene Optionen, wenn topische Therapie nicht ausreicht.Auch EuroGuiDerm führt systemische Optionen als wichtigen Bestandteil bei moderater bis schwerer atopischer Dermatitis.
7) Alltagstipps: Neurodermitis-freundliche Routine
Kleidung
Baumwolle/Seide, eher „atmungsaktiv“
Wolle und kratzige Nähte meiden; neue Kleidung waschen
Waschen & Duschen
Kurz, lauwarm, pH-hautneutral, wenig Tenside
Parfumfreie Produkte; nach dem Waschen eincremen
Sport
Ja! Danach: Schweiß abspülen, Pflege auftragen
Stress
Schübe werden häufig durch Stress verstärkt: Entspannung, Pausen, Schlafpriorität
Ernährung
Keine pauschalen Verbote. Nur bei klarer Reaktion/Verdacht gezielt abklären (sonst drohen unnötige Restriktionen).
8) 7-Tage-Schubplan (praktisch)
Tag 1–2
Pflege intensivieren (2×/Tag)
Entzündungshemmer nach ärztlicher Empfehlung konsequent auf aktive Stellen
Trigger reduzieren (Wärme, Schwitzen, Duftstoffe)
Tag 3–5
Bei Besserung: Intervall-/Ausschleichschema
Juckreizmanagement nachts (kühlen, Nägel, Handschuhe)
Tag 6–7
Rückkehr zur Basisroutine
Proaktive Therapie an „Problemstellen“ (z. B. 2×/Woche) nur nach Plan
Wenn nach 7 Tagen keine klare Besserung: ärztliche Kontrolle.
9) Warnzeichen: Wann solltest du ärztlich abklären lassen?
Starke Schmerzen, Fieber, rasche Ausbreitung
Gelbe Krusten, deutliche Eiterzeichen
Bläschen/Herpesverdacht (v. a. im Gesicht/Auge)
Schlaf massiv gestört über Tage
Häufige Schübe oder großflächige Ekzeme trotz guter Basistherapie
Empfehlung von Gesundheits-Doc
Neurodermitis ist oft hartnäckig – aber: Mit konsequenter Basistherapie, einer klaren Schubstrategie und guter Anleitung bekommst du die Kontrolle zurück. Wenn du unsicher bist, lass dir in der Praxis die richtige Creme-Menge, die passende Wirkstärke und einen Stufenplan zeigen – das macht in der Wirkung oft den größten Unterschied.
👉 Mehr Klarheit für deinen Alltag: Lies den Artikel in Ruhe, speichere ihn ab und teile ihn mit jemandem, der unter Juckreiz/Ekzemen leidet. Wenn du möchtest, erstelle ich dir als nächstes eine druckbare „Neurodermitis-Schub-Checkliste“ + Trigger-Tagebuch.
Quellenbox (Auswahl)
AWMF-Leitlinienregister: S3-Leitlinie Atopische Dermatitis (013-027), Version 2023.
EuroGuiDerm: European Guideline on Atopic Eczema – Living update.
American Academy of Dermatology (AAD): Atopic dermatitis clinical guidelines (topische Therapie / systemische Therapie-Updates).
NICE: Atopic eczema in under 12s – diagnosis and management (CG57) inkl. Updates (z. B. Bath emollients).
AAAAI / Joint Task Force: Atopic dermatitis guideline (2023) (Therapie-Empfehlungen, Evidenzübersichten).




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