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Urtikaria (Nesselsucht) – Symptome, Auslöser, Therapien

Aktualisiert: 9. Jan.

Urtikaria

Urtikaria – umgangssprachlich Nesselsucht – ist eine der häufigsten Hautreaktionen überhaupt. Sie zeigt sich typischerweise durch juckende Quaddeln (erhabene, gerötete Hautstellen), die kommen und gehen. Für Betroffene ist das oft sehr belastend: Der Juckreiz kann massiv sein, Schlaf stören, Alltag und Stimmung beeinträchtigen. Gleichzeitig ist Urtikaria in vielen Fällen gut behandelbar, wenn man die Form richtig einordnet und die Therapie stufenweise anpasst. (PubMed)

In diesem Beitrag bekommst du einen klaren Überblick:

  • Welche Symptome sind typisch – und welche Warnzeichen wichtig?

  • Welche Auslöser kommen häufig vor (und welche werden überschätzt)?

  • Welche Therapien helfen – von Antihistaminika bis zu modernen zielgerichteten Medikamenten?

  • Was ist in der Forschung neu?


1) Symptome: Woran erkennst du Urtikaria?

Typische Zeichen

Quaddeln (Wheals) sind das Leitsymptom:

  • gerötet, erhaben, oft mit „hellerer Mitte“

  • starker Juckreiz oder Brennen

  • jede einzelne Quaddel verschwindet meist innerhalb von 24 Stunden spurlos (wichtiges Unterscheidungsmerkmal!) (PubMed)

Angioödem: Schwellungen als zweites Hauptsymptom

Bei manchen Menschen treten zusätzlich oder allein Angioödeme auf:

  • tiefer sitzende Schwellungen (z. B. Lippen, Augenlider, Hände, Genitalbereich)

  • eher Druck/Spannung als Juckreiz

  • können länger anhalten (bis 72 Stunden) (PubMed)

Wichtige Einteilung: akut vs. chronisch

  • Akute Urtikaria: Beschwerden < 6 Wochen

  • Chronische Urtikaria: Beschwerden ≥ 6 Wochen (mit wiederkehrenden Quaddeln/Schwellungen) (PubMed)

Bei chronischer Urtikaria unterscheidet man:

  • Chronisch spontane Urtikaria (CSU): ohne klaren, konstanten Auslöser

  • Chronisch induzierbare Urtikaria: durch definierte Reize (z. B. Kälte, Druck, Wärme, Anstrengung/Schwitzen) (PubMed)


2) Auslöser: Was steckt häufig dahinter?

Akute Urtikaria – häufig „Infekt-getriggert“

Bei akuter Urtikaria sind Auslöser oft vorübergehend, z. B.:

  • Virusinfekte (häufig!), seltener bakterielle Infekte

  • Medikamente (v. a. NSAR wie Ibuprofen/Diclofenac, teils Antibiotika)

  • Nahrungsmittel können eine Rolle spielen – aber echte IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergien sind als Ursache insgesamt seltener, als viele vermuten. (PubMed)

Wichtig: Quaddeln allein sind nicht automatisch „Allergie“.

Chronisch spontane Urtikaria – oft keine „klassische Allergie“

Bei CSU findet man häufig:

  • eine Autoimmun-Komponente (bei einem Teil der Betroffenen)

  • Verstärker/Trigger wie Stress, Infekte, Schlafmangel, Alkohol

  • NSAR können CSU verschlechtern (nicht jeder reagiert, aber es ist typisch genug, dass man es aktiv prüft). (mediaTUM)

Chronisch induzierbare Urtikaria – Reize als „Schalter“

Typische Formen:

  • Kälteurtikaria

  • Druckurtikaria (z. B. enge Kleidung, Rucksackriemen)

  • Cholinerge Urtikaria (Wärme/Schwitzen/Anstrengung)

  • Wärme-, Sonnen-, Wasserurtikaria (selten) (PubMed)


3) Diagnostik: Was ist sinnvoll – und was eher nicht?

Die Leitlinien betonen: Diagnostik soll gezielt sein. Endlose „Allergietest-Batterien“ bringen bei chronischer Urtikaria oft wenig, wenn kein passender Hinweis aus der Anamnese besteht. (PubMed)

Die wichtigste „Diagnostik“ ist die Anamnese

Hilfreiche Fragen:

  • Seit wann? Täglich oder schubweise? Was verbessert/verschlechtert?

  • Quaddeln <24 h oder länger? Bleiben Blutergüsse zurück?

  • Angioödeme? Atemnot? Kreislaufprobleme?

  • Medikamente (v. a. NSAR), Nahrungsergänzung, Alkohol

  • Infekte, Stress, Schlaf, Menstruationszyklus

  • Reize: Kälte, Druck, Sport, Wärme, Wasser

Praktisch: Fotos machen (für den Arzttermin Gold wert).

Basis-Labor bei chronischer Urtikaria

Je nach Leitlinie und klinischem Kontext sind wenige Basiswerte sinnvoll (z. B. Entzündungsparameter), und darüber hinaus nur bei Verdacht. (mediaTUM)

Warnhinweis: Urtikariavaskulitis / andere Differenzialdiagnosen

Wenn Quaddeln…

  • länger als 24 Stunden an derselben Stelle bleiben,

  • eher schmerzen als jucken,

  • oder bräunliche Flecken/Blutergüsse hinterlassen,…sollte ärztlich geprüft werden, ob es etwas anderes ist (z. B. urtikarielle Vaskulitis). (mediaTUM)


4) Therapie: Was hilft wirklich? (Stufentherapie)

Ziel ist vollständige Symptomkontrolle bei guter Verträglichkeit – damit Lebensqualität wieder normal wird. (mediaTUM)

Stufe 1: Moderne, nicht-sedierende H1-Antihistaminika

Erste Wahl sind H1-Antihistaminika der 2. Generation (nicht müde machend). (mediaTUM)Beispiele (ohne Wertung): Cetirizin/Levocetirizin, Loratadin/Desloratadin, Fexofenadin, Bilastin u. a.

Warum nicht „alte“ Antihistaminika?Ältere (sedierende) Antihistaminika können müde machen, Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen und sind für den Alltag oft ungünstig – Leitlinien bevorzugen daher klar die neueren Präparate. (mediaTUM)

Stufe 2: Dosissteigerung bis zum 4-fachen (bei Bedarf)

Wenn die Standarddosis nicht reicht: Leitlinien empfehlen eine Aufdosierung bis zur 4-fachen Dosis (ärztlich begleitet). (mediaTUM)

Stufe 3: Omalizumab (Anti-IgE) als Add-on bei CSU

Wenn Antihistaminika (inkl. Aufdosierung) nicht ausreichen, ist Omalizumab der etablierte nächste Schritt bei chronisch spontaner Urtikaria. (mediaTUM)

Stufe 4: Ciclosporin A (bei schwerer, refraktärer CSU)

Wenn auch Omalizumab nicht ausreichend wirkt, kann Ciclosporin A in spezialisierten Händen eine Option sein. (mediaTUM)

Kortison?

Systemische Glukokortikoide sind nicht als Dauertherapie gedacht. Kurzzeitig können sie in Ausnahmen bei starken Schüben hilfreich sein – aber nicht als „Lösung“ für chronische Urtikaria. (mediaTUM)

Bei induzierbaren Formen

Hier steht neben Antihistaminika oft im Vordergrund:

  • Trigger-management (z. B. Kälteschutz, Druck vermeiden)

  • ggf. prophylaktische Einnahme vor vorhersehbaren Triggern (ärztlich abgestimmt) (PubMed)


5) Was ist neu in Forschung und Versorgung?

Dupilumab: neue zielgerichtete Option (CSU)

Neben Omalizumab gibt es neue Entwicklungen: Dupilumab wurde in mehreren Regionen für chronisch spontane Urtikaria bei unzureichender Kontrolle unter H1-Antihistaminika zugelassen (EU und USA berichten entsprechende Zulassungen/Erweiterungen). (investor.regeneron.com)

Einordnung: Das erweitert die Optionen für Patient:innen, die mit Antihistaminika ± Omalizumab nicht ausreichend kontrolliert sind – welche Therapie im Einzelfall passt, hängt vom Profil, Begleiterkrankungen und regionaler Verfügbarkeit ab.

Neue orale Therapien (BTK-Inhibition) – schneller wirksam, einfache Anwendung?

In der Pipeline (und teils bereits mit ersten Zulassungen in einzelnen Ländern) sind orale BTK-Inhibitoren wie Remibrutinib. Für Patient:innen könnte das perspektivisch eine bequemere Alternative zu Injektionen bedeuten – das Feld entwickelt sich schnell. (Reuters)


6) Selbsthilfe im Alltag: Was du sofort tun kannst

  • Trigger checken: NSAR (Ibuprofen/Diclofenac) testweise meiden, wenn du einen Zusammenhang vermutest (ärztlich besprechen). (mediaTUM)

  • Kühlen statt kratzen: Kühle Umschläge können Juckreiz dämpfen.

  • Tagebuch: Essen/Medikamente/Stress/Infekte/Schlaf – oft erkennt man Muster.

  • Hautpflege: milde, parfümfreie Produkte; keine heißen Duschen bei Schub.


Empfehlung von Gesundheits-Doc

Gesundheits-Doc empfiehlt:Bei Urtikaria lohnt es sich, konsequent nach Leitlinie vorzugehen: nicht-sedierende H1-Antihistaminika sind die Basis; wenn nötig ist die Aufdosierung bis zum 4-fachen ein etablierter nächster Schritt. Bei chronisch spontaner Urtikaria, die damit nicht kontrolliert ist, sind zielgerichtete Therapien wie Omalizumab (und zunehmend weitere Optionen wie Dupilumab) wichtige Bausteine. (mediaTUM)

Wenn Quaddeln und Juckreiz dich über Wochen begleiten: Frühzeitig behandeln – denn gute Kontrolle verbessert Schlaf, Alltag und Lebensqualität oft deutlich.



Wenn du seit mehr als 6 Wochen Quaddeln/Juckreiz hast oder Angioödeme auftreten:Sprich beim nächsten Termin gezielt an:„Ist das eine chronische Urtikaria – und können wir die Stufentherapie nach Leitlinie (inkl. Aufdosierung/ggf. Biologika) planen?“ (mediaTUM)


🚨 Sofort abklären / Notfall, wenn zusätzlich auftreten:Atemnot, Engegefühl im Hals, Kreislaufprobleme, Schwindel/Ohnmacht (Verdacht auf anaphylaktische Reaktion).


Quellenbox (Auswahl)
  • International Guideline (EAACI/GA²LEN/EuroGuiDerm/APAAACI): Definition, Einteilung, Diagnostik und Stufentherapie der Urtikaria. (PubMed)
  • Deutschsprachige S3-Leitlinie Urtikaria – Teil 2 (Therapie): Antihistaminika (1. Wahl), Aufdosierung bis 4-fach, Omalizumab, Ciclosporin. (PubMed)
  • Übersicht zur praktischen CSU-Therapie: Up-dosing 2.-Gen.-Antihistaminika und weiteres Vorgehen. (ScienceDirect)
  • Omalizumab-Evidenz (NEJM): Wirksamkeit bei chronischer spontaner/idiopathischer Urtikaria. (New England Journal of Medicine)
  • EMA (Dupixent EPAR) & EU-Zulassungsinfos: Einordnung von Dupilumab bei CSU. (European Medicines Agency (EMA))
  • Aktuelle Entwicklungen (Review/News): neue Biologika/Small molecules, inkl. jüngerer Zulassungen. (PubMed)

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