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Prostata-Karzinom: Aktuelle Empfehlungen, Vorsorge, Diagnose & Therapie

Aktualisiert: 21. Jan.

Prostata-Karzinom




Einleitung: Die häufigste Krebsart des Mannes verstehen

Das Prostatakarzinom ist in Deutschland die häufigste Krebserkrankung bei Männern. Jedes Jahr erhalten rund 60.000 Männer diese Diagnose. Diese Zahl klingt zunächst bedrohlich, doch es gibt eine wichtige Botschaft vorab: Die Sterblichkeit an Prostatakrebs sinkt seit Jahren, und nicht jeder Tumor muss sofort aggressiv behandelt werden.

In meiner Hausarztpraxis erlebe ich oft zwei Extreme: Männer, die das Thema Vorsorge komplett verdrängen, und Männer, die bei einem leicht erhöhten PSA-Wert sofort in Panik geraten. Beides ist nicht zielführend. Die moderne Medizin setzt heute auf „Shared Decision Making“ – die gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen Arzt und Patient auf Basis von Fakten.

Dieser Artikel soll Ihnen helfen, die aktuellen medizinischen Empfehlungen zu verstehen, um informierte Entscheidungen für Ihre Gesundheit zu treffen.


Teil 1: Risikofaktoren und Symptome

Warum merke ich nichts?

Das Tückische am Prostatakrebs ist, dass er im frühen, gut heilbaren Stadium meist keine Symptome verursacht. Beschwerden beim Wasserlassen sind oft eher auf eine gutartige Vergrößerung der Prostata (Benigne Prostatahyperplasie) zurückzuführen. Schmerzen, Blut im Urin oder Erektionsstörungen treten meist erst in fortgeschrittenen Stadien auf.

Wer ist gefährdet?

  • Alter: Das Risiko steigt ab dem 50. Lebensjahr deutlich an.

  • Genetik: Haben der Vater oder ein Bruder Prostatakrebs, verdoppelt sich das eigene Risiko oft. Hier ist besondere Wachsamkeit geboten.

  • Lebensstil: Übergewicht und fettreiche Ernährung scheinen das Risiko leicht zu erhöhen, während Bewegung und pflanzliche Kost (z. B. Lycopin in Tomaten) protektiv wirken können.


Teil 2: Die Vorsorge – PSA-Wert: Fluch oder Segen?

Die Früherkennung ist das wichtigste Instrument, das wir haben. Doch sie wird kontrovers diskutiert. Die gesetzliche Krankenkasse zahlt Männern ab 45 Jahren jährlich die Tastuntersuchung. Der PSA-Test (Prostata-Spezifisches Antigen) ist oft eine Selbstzahlerleistung (IGeL), wird aber von den Fachgesellschaften unter bestimmten Bedingungen empfohlen.

Was sagen die aktuellen Leitlinien zum PSA-Test?

Der PSA-Wert ist ein Eiweiß, das nur von der Prostata gebildet wird. Ein erhöhter Wert kann auf Krebs hindeuten, aber auch auf eine Entzündung, eine gutartige Vergrößerung oder sogar durch Fahrradfahren vor der Blutabnahme bedingt sein.

Die Empfehlung lautet:

Männer ab 45 Jahren (bei familiärer Vorbelastung früher) sollten über die Vor- und Nachteile des PSA-Screenings aufgeklärt werden.

  • Der Vorteil: Tumore werden Jahre früher erkannt, bevor sie streuen. Studien zeigen eine Senkung der Sterblichkeit durch Screening.

  • Der Nachteil: Es droht die „Überdiagnose“. Man findet Tumore, die so langsam wachsen, dass sie den Patienten zu Lebzeiten nie krank gemacht hätten. Die Folge sind oft unnötige Operationen mit Risiken wie Inkontinenz oder Impotenz.

Mein Rat als Hausarzt: Lassen Sie den Wert bestimmen, wenn Sie gut informiert sind und bereit sind, bei Auffälligkeiten weitere Diagnostik zu betreiben. Ein einzelner Wert sagt wenig aus – der Verlauf über die Jahre ist entscheidend.


Teil 3: Diagnose – Der Weg zur Gewissheit (mpMRT)

Wenn der PSA-Wert erhöht ist oder die Tastuntersuchung auffällig war, folgt nicht mehr sofort die „blinde“ Gewebeprobe.

Der neue Goldstandard: Das multiparametrische MRT (mpMRT)

Bevor heute eine Biopsie (Gewebeprobe) gemacht wird, empfehlen die Leitlinien in der Regel ein spezielles MRT der Prostata.

  • Das mpMRT kann verdächtige Areale sichtbar machen.

  • Ist das MRT unauffällig, kann in manchen Fällen auf eine Biopsie verzichtet werden (Vermeidung unnötiger Eingriffe).

  • Ist es auffällig, kann der Urologe gezielt aus dem verdächtigen Areal eine Probe entnehmen (Fusionsbiopsie). Dies erhöht die Treffergenauigkeit massiv gegenüber der früheren Zufallsbiopsie.


Teil 4: Therapieoptionen – Nicht immer sofort operieren

Die Diagnose „Krebs“ löst den Impuls aus: „Das muss raus, sofort!“ Doch beim Prostatakrebs gilt: Ruhe bewahren. Die Therapie hängt vom Aggressivitätsgrad des Tumors (Gleason-Score) und dem Ausbreitungsstadium ab.

1. Active Surveillance (Aktive Überwachung)

Für Tumore mit niedrigem Risiko (Gleason-Score 6, niedriger PSA, kleiner Befund) ist dies heute oft die Methode der Wahl.

  • Das Konzept: Man operiert nicht, sondern beobachtet den Tumor engmaschig (PSA, MRT, erneute Biopsien).

  • Der Vorteil: Der Patient behält seine Lebensqualität (keine OP-Folgen) und wird nur behandelt, wenn der Tumor aggressiver wird. Viele Männer leben Jahrzehnte damit, ohne je eine Therapie zu benötigen.

2. Die Operation (Radikale Prostatektomie)

Hierbei wird die gesamte Prostata samt Samenblasen entfernt. Dies geschieht heute oft roboterassistiert (Da-Vinci-System), was präziser und schonender ist.

  • Ziel: Vollständige Heilung durch Entfernung des Krebses.

  • Risiken: Trotz moderner Technik besteht das Risiko von Harninkontinenz und Erektionsstörungen, da Nervenbahnen direkt an der Prostata verlaufen.

3. Die Strahlentherapie

Die Bestrahlung (von außen oder durch implantierte Strahlungsquellen „Brachytherapie“) ist in der Heilungsrate oft gleichwertig mit der Operation. Sie ist eine gute Option für Männer, die keine OP wünschen oder dafür zu krank sind. Auch hier können Nebenwirkungen an Blase und Darm auftreten.

4. Hormon- und Chemotherapie

In fortgeschrittenen Stadien, wenn der Krebs gestreut hat, nutzen wir Medikamente, die dem Tumor das Testosteron entziehen (Hormonentzugstherapie), da Prostatakrebs meist hormonabhängig wächst. Dies kann das Tumorwachstum über viele Jahre bremsen.


Teil 5: Nachsorge und Rehabilitation

Egal welche Therapie gewählt wurde: Die Nachsorge ist lebenswichtig.

In der Anschlussheilbehandlung (AHB) lernen Männer z. B. Beckenbodentraining, um einer Inkontinenz entgegenzuwirken. Als Hausarzt betreue ich Patienten in der Nachsorge weiter: Wir kontrollieren regelmäßig den PSA-Wert. Steigt dieser nach einer Operation (wo er eigentlich 0 sein sollte) wieder an, spricht man von einem Rezidiv, das frühzeitig behandelt werden muss.

Aber auch die psychische Komponente ist wichtig. Eine Krebserkrankung und mögliche Folgen für die Männlichkeit (Potenz) belasten. Scheuen Sie sich nicht, psychoonkologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.


Empfehlung von Gesundheits-Doc

Das Thema Prostatakrebs hat seinen Schrecken als „tödliche Diagnose“ zum Glück weitgehend verloren, wenn man es richtig angeht.

Meine Kernempfehlung:

Nutzen Sie ab 45 (bei familiärer Belastung ab 40) die Möglichkeit der Vorsorge. Entscheiden Sie sich bewusst für oder gegen den PSA-Test, aber ignorieren Sie das Thema nicht. Wenn ein Verdacht besteht, bestehen Sie auf moderne Diagnostik wie das mpMRT vor einer Biopsie.

Und vor allem: Sollte ein kleiner, wenig aggressiver Tumor gefunden werden, lassen Sie sich nicht zu einer vorschnellen Operation drängen. Holen Sie eine Zweitmeinung ein. „Active Surveillance“ ist für viele Männer der beste Weg, um gesund und mit hoher Lebensqualität alt zu werden.


Wann waren Sie zuletzt bei der Vorsorge?

Männergesundheit ist Vertrauenssache. In unserer Praxis beraten wir Sie ausführlich zum Thema PSA-Wert, individuelles Risiko und Männergesundheit. Wir nehmen uns die Zeit, Ihre Fragen ohne Tabus zu klären.



FAQ – Die 6 häufigsten Fragen zum Prostata-Karzinom

1. Ist ein erhöhter PSA-Wert immer Krebs?

Nein, keinesfalls. Häufige Ursachen sind eine gutartige Prostatavergrößerung, Harnwegsinfekte oder mechanische Reizung (z. B. langes Fahrradfahren oder Geschlechtsverkehr kurz vor der Blutabnahme). Ein einzelner Wert ist nie eine Diagnose, er muss kontrolliert werden.

2. Verursacht Radfahren Prostatakrebs?

Nein, dafür gibt es keine Belege. Radfahren kann den PSA-Wert kurzzeitig künstlich erhöhen (durch Druck auf die Prostata), verursacht aber keinen Krebs. Es wird empfohlen, ca. 2–3 Tage vor einer PSA-Messung auf intensives Radfahren zu verzichten.

3. Was bedeutet der „Gleason-Score“?

Das ist die „Schulnote“ für die Aggressivität des Tumors, die der Pathologe unter dem Mikroskop vergibt. Ein Score von 6 (3+3) ist der niedrigste Wert (wenig aggressiv), Werte von 8, 9 oder 10 deuten auf schnell wachsende, aggressive Tumore hin.

4. Werde ich nach der Operation impotent?

Das Risiko besteht, ist aber dank nervenschonender OP-Techniken (oft robotergestützt) deutlich gesunken. Es hängt davon ab, ob die Nervenbündel, die direkt an der Kapsel liegen, erhalten werden können. Dies ist bei sehr großen Tumoren manchmal nicht möglich. Es gibt jedoch gute medikamentöse Hilfen für die Zeit danach.

5. Kann ich Prostatakrebs durch Ernährung verhindern?

Es gibt keine „Anti-Krebs-Diät“, die 100% schützt. Studien zeigen aber, dass eine mediterrane Ernährung, der Verzicht auf zu viel rotes Fleisch und ein normales Körpergewicht das Risiko senken können. Der Pflanzenstoff Lycopin (in gekochten Tomaten) gilt als prostatagesund.

6. Ist „Active Surveillance“ nicht gefährlich? Was, wenn der Tumor streut?

Diese Sorge ist verständlich, aber unbegründet, wenn die Kriterien stimmen. Studien zeigen, dass bei Niedrig-Risiko-Tumoren das Überleben unter aktiver Überwachung genauso hoch ist wie bei sofortiger OP. Wichtig ist nur, dass Sie die Kontrolltermine (PSA, MRT, Biopsie) penibel einhalten.


Quellenbox
Für diesen Artikel wurden folgende evidenzbasierte Quellen und Leitlinien herangezogen:
  • S3-Leitlinie: Prostatakarzinom (Konsultationsfassung 2024 / Aktuelle Version AWMF).
  • Deutsche Krebsgesellschaft: Onko Internetportal – Prostatakrebs.
  • DKFZ: Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums.
  • Stiftung Deutsche Krebshilfe: „Die blauen Ratgeber – Prostatakrebs“.
  • EAU Guidelines: European Association of Urology Guidelines on Prostate Cancer.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt nicht das persönliche Arztgespräch.

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