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Statine – eine Nutzen- und Risikobewertung

Aktualisiert: 4. Jan.

Statine Nutzen und Risiken


Einleitung: Warum Statine so oft diskutiert werden

Statine gehören zu den am häufigsten verordneten Medikamenten. Viele Menschen profitieren deutlich – gleichzeitig gibt es Unsicherheiten wegen möglicher Nebenwirkungen (vor allem Muskelschmerzen) oder Fragen wie: „Brauche ich das wirklich?“

Dieser Beitrag hilft dir, den aktuellen Wissensstand einzuordnen: Was ist belegt? Wer profitiert am meisten? Welche Risiken sind real – und wie geht man damit praktisch um?


Statine kurz zusammengefasst

Statine sind Medikamente zur Senkung des LDL-Cholesterins („schlechtes“ Cholesterin). Sie können das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und andere Gefäßereignisse senken – besonders bei Menschen mit bereits bestehender Herz-/Gefäßerkrankung oder hohem Gesamtrisiko.

Merksatz: Statine behandeln nicht nur „Cholesterinwerte“, sondern senken vor allem das Risiko für gefährliche Ereignisse.

Wie wirken Statine?

Statine (z. B. Atorvastatin, Rosuvastatin, Simvastatin, Pravastatin) hemmen in der Leber ein Schlüsselenzym der körpereigenen Cholesterinproduktion. Dadurch:

  • sinkt das LDL-Cholesterin

  • Gefäßablagerungen („Plaques“) werden stabiler

  • die Wahrscheinlichkeit von Gefäßverschlüssen nimmt ab

Kurz erklärt:

LDL kann sich in Gefäßwänden ablagern. Über Jahre entstehen Engstellen und instabile Plaques. Statine senken LDL und wirken zusätzlich stabilisierend auf Plaques – dadurch sinkt das Risiko für akute Ereignisse.


Der Nutzen: Was bringen Statine wirklich?

Der Nutzen ist gut belegt – entscheidend ist aber, wie hoch dein persönliches Ausgangsrisiko ist.

Relatives vs. absolutes Risiko – der wichtigste Unterschied

  • Relativer Effekt: „x % weniger Ereignisse“ – klingt oft groß.

  • Absoluter Effekt: „Wie viele von 100 Menschen profitieren wirklich?“ – ist für Entscheidungen wichtiger.

Kurz erklärt:

Ein vereinfachtes Beispiel:

  • Ausgangsrisiko: 20 % in 10 Jahren

  • Statin reduziert relativ um ca. 25 %

  • neues Risiko: ca. 15 %➡️ Absoluter Vorteil: 5 Prozentpunkte (5 von 100)

Bei einem Ausgangsrisiko von 5 % ist der absolute Vorteil deutlich kleiner.


Für wen sind Statine besonders sinnvoll?

1) Sekundärprävention: Wenn bereits eine Gefäßerkrankung besteht

Hier ist der Nutzen meist am größten. Typische Situationen:

  • Herzinfarkt in der Vorgeschichte

  • Koronare Herzkrankheit (KHK)

  • Schlaganfall/TIA

  • pAVK (Durchblutungsstörung der Beine)

  • nach Stent/Bypass oder anderen Gefäßeingriffen

2) Primärprävention: Wenn (noch) kein Ereignis passiert ist

Dann hängt die Entscheidung stark von deinem Gesamtrisiko ab. Relevant sind u. a.:

  • Alter, Blutdruck, Rauchen

  • Diabetes/Prädiabetes

  • familiäre Vorbelastung (frühe Herzinfarkte/Schlaganfälle)

  • LDL-Höhe und weitere Blutfette

In der Praxis wird das Risiko oft mit einem 10-Jahres-Risiko-Rechner (z. B. SCORE2) geschätzt.


Die Risiken: Welche Nebenwirkungen sind wichtig?

Statine gelten insgesamt als gut verträglich. Nebenwirkungen sind möglich – und meist gut handhabbar.

1) Muskelschmerzen (SAMS)

Muskelschmerzen sind der häufigste Grund, warum Menschen Statine absetzen. Wichtig:

  • Nicht jedes Muskelziehen ist automatisch „Statin-Unverträglichkeit“.

  • Häufig spielen andere Faktoren mit: Sport, Infekte, Schilddrüsenstörungen, Vitamin-D-Mangel oder Wechselwirkungen.

2) Leberwerte

Leichte Transaminasenanstiege können vorkommen. Schwere Leberschäden sind selten.

3) Blutzucker/Diabetes-Risiko

Ein leicht erhöhtes Risiko für neu auftretenden Diabetes ist beschrieben – besonders bei Menschen, die ohnehin ein erhöhtes Diabetesrisiko haben (z. B. Übergewicht, Prädiabetes). Bei hohem Herz-Kreislauf-Risiko überwiegt der Nutzen in der Regel.

4) Gedächtnis/„Brain fog“

Es gibt Berichte über vorübergehende Gedächtnisprobleme. Wenn du so etwas bemerkst: ärztlich ansprechen, ggf. Wirkstoffwechsel prüfen.

Warnzeichen (Infokasten)

Bitte zeitnah ärztlich abklären (oder Notfall), wenn:

  • starke Muskelschmerzen oder Schwäche plus dunkler Urin, Fieber, starkes Krankheitsgefühl

  • neue, ausgeprägte Beschwerden kurz nach Beginn oder Dosissteigerung


Mythencheck: 4 häufige Irrtümer

Mythos 1: „Statine sind grundsätzlich gefährlich.“

Fakt: Bei hohem Risiko ist der Nutzen häufig deutlich größer als das Nebenwirkungsrisiko.

Mythos 2: „Wenn meine Werte besser sind, kann ich sofort absetzen.“

Fakt: Oft sind die besseren Werte das Ergebnis der Therapie. Nach Absetzen kann das Risiko wieder steigen.

Mythos 3: „Muskelschmerzen bedeuten immer: Statin geht nicht.“

Fakt: Häufig helfen Dosisanpassung, ein anderes Statin oder eine Kombinationstherapie.

Mythos 4: „Statine ersetzen Lebensstil.“

Fakt: Bewegung, Ernährung und Rauchstopp bleiben die Basis. Statine sind – je nach Risiko – eine wichtige Ergänzung.


Was tun bei Nebenwirkungen? Ein pragmatischer Fahrplan

Ziel ist: Risikosenkung erhalten – Verträglichkeit verbessern.

  1. Beschwerden einordnen (Beginn, Verlauf, Schwere)

  2. Andere Ursachen prüfen (Schilddrüse, Vitamin D, Sport, Interaktionen)

  3. Therapie anpassen statt abbrechen:

    • niedrigere Dosis

    • anderes Statin

    • langsames Auftitrieren

  4. Kombination statt Maximaldosis (ärztliche Entscheidung), z. B. Statin + Ezetimib


Entscheidungshilfe: „Mein Risiko – lohnt sich ein Statin?“

Start
│
├─ Hattest du schon Herzinfarkt, Schlaganfall, KHK, pAVK oder Stent/Bypass?
│     ├─ Ja  → Nutzen meist sehr hoch → Statin in der Regel sinnvoll
│     └─ Nein
│
├─ Liegt ein deutlich erhöhtes Risikoprofil vor?
│  (z. B. Diabetes + Organschaden, sehr hoher Blutdruck, starke familiäre Vorbelastung,
│   sehr hohe LDL-Werte, mehrere Risikofaktoren gleichzeitig)
│     ├─ Ja  → Nutzen häufig hoch → Risiko berechnen + Therapie erwägen
│     └─ Nein
│
├─ Wie hoch ist dein 10‑Jahres‑Risiko? (z. B. SCORE2 – ärztlich berechnet)
│     ├─ Hoch   → Statin oft sinnvoll
│     ├─ Mittel → gemeinsam abwägen (Nutzen, Nebenwirkungen, Präferenzen)
│     └─ Niedrig→ Lebensstil im Vordergrund; Statin nur in ausgewählten Situationen
│
└─ Bei Nebenwirkungen:
      nicht allein absetzen → ärztlich anpassen (Wechsel/Dosis/Kombination)

Kurz erklärt - Was du zum Termin mitbringen kannst:

  • Aktuelle Laborwerte (LDL, HDL, Triglyzeride)

  • Blutdruckwerte, Rauchstatus

  • Diabetes/Prädiabetes (falls bekannt)

  • Familienanamnese (frühe Herzinfarkte/Schlaganfälle)

  • Medikamentenliste (wegen möglicher Wechselwirkungen)


Gesundheits-Doc Tipps: So wird die Therapie leichter

  • Nimm das Statin regelmäßig (Routine hilft).

  • Notiere Beschwerden mit Datum (Beginn, Intensität, Auslöser).

  • Sprich Nebenwirkungen früh an – oft gibt es eine gute Lösung.

  • Lebensstil wirkt als „Multiplikator“:

    • Rauchstopp

    • mediterran orientierte Ernährung

    • regelmäßige Bewegung (Ausdauer + Kraft)

    • Gewichtsreduktion bei Übergewicht


Fazit

Statine können Herzinfarkt und Schlaganfall verhindern – am stärksten profitieren Menschen mit bestehender Gefäßerkrankung oder hohem Risiko. Bei mittlerem Risiko lohnt sich ein strukturiertes Gespräch über Nutzen, Nebenwirkungen und persönliche Präferenzen. Und: Wenn Nebenwirkungen auftreten, gibt es oft praktikable Alternativen.


Du möchtest wissen, ob ein Statin für dich sinnvoll ist?

  • Lass dein persönliches Herz-Kreislauf-Risiko berechnen (z. B. mit SCORE2).

  • Besprich LDL-Ziel, Alternativen und mögliche Nebenwirkungen strukturiert.

👉 Auf Gesundheits-Doc findest du dazu weitere Artikel rund um Cholesterin, Blutdruck, Diabetes und Prävention.



Praxisbezug & Disclaimer

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Medikamente solltest du nicht eigenständig absetzen oder umstellen. Wenn du Nebenwirkungen bemerkst oder unsicher bist, sprich bitte mit deiner Ärztin/deinem Arzt (z. B. in deiner Hausarztpraxis) über das weitere Vorgehen.


Quellen (Auswahl, patientenorientiert zusammengefasst)
  • ESC/EAS Leitlinien zur Behandlung von Dyslipidämien (LDL-Ziele, Risikostratifizierung)

  • SCORE2 / SCORE2-OP (Risikokalkulation zur kardiovaskulären Prävention)

  • Große Metaanalysen randomisierter Studien zur Statinwirkung (z. B. CTT Collaboration)

  • Empfehlungen zur Primärprävention (z. B. USPSTF)



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