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Streptokokken-Angina: Was gilt es zu beachten?

Mundhöhle eines Kindes


Halsschmerzen sind extrem häufig – und in den meisten Fällen viral bedingt. Trotzdem ist die Frage verständlich: „Sind das Streptokokken? Brauche ich Antibiotika?“ Die Antwort ist differenziert: Antibiotika helfen gezielt bei einer Gruppe-A-Streptokokken (GAS)-Infektion, aber nicht bei den meisten Erkältungshalsschmerzen. Leitlinien betonen daher: erst Wahrscheinlichkeit einschätzen, dann testen/therapieren. (AWMF Leitlinienregister)


1) Was ist eine Streptokokken-Angina?

Bei der klassischen „Streptokokken-Angina“ handelt es sich um eine Tonsillopharyngitis durch β-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A (Streptococcus pyogenes). Sie kann in jedem Alter auftreten, ist aber bei Kindern und Jugendlichen häufiger als bei Erwachsenen. (CDC)

Typische Beschwerden

  • akuter, starker Halsschmerz, Schluckschmerz

  • Fieber

  • gerötete, geschwollene Mandeln, teils Eiterstippchen

  • druckschmerzhafte Lymphknoten am Hals

  • eher kein Husten (Husten spricht eher für viral) (NCBI)

Aber wichtig: Das Aussehen allein ist unzuverlässig – auch Viren können „eitrig“ aussehen.


2) Wann ist es wahrscheinlich Streptokokken – und wann eher nicht?

Leitlinien empfehlen klinische Scores, um die Wahrscheinlichkeit einer GAS-Angina abzuschätzen (z. B. Centor-Score bzw. McIsaac-Score als Modifikation). (AWMF Leitlinienregister)

A) Centor/McIsaac – die typische Denklogik

Punkte gibt es u. a. für:

  • Fieber

  • kein Husten

  • geschwollene, schmerzhafte vordere Halslymphknoten

  • Tonsillenexsudat/-schwellung

  • (McIsaac: Alterskorrektur)

Je höher der Score, desto eher lohnt Schnelltest/Diagnostik statt „einfach so“ Antibiotika. (AWMF Leitlinienregister)

B) Zeichen, die eher für „viral“ sprechen

  • Husten, Schnupfen, Heiserkeit

  • Bindehautentzündung

  • Durchfall.

    Dann ist GAS weniger wahrscheinlich; oft reicht symptomatische Therapie. (CDC)


3) Testen: Wann ist ein Schnelltest sinnvoll?

Bei höherer klinischer Wahrscheinlichkeit (z. B. mehrere Score-Kriterien) kann ein Schnelltest (RAT/RADT) helfen, GAS nachzuweisen. NICE empfiehlt, zur Entscheidungsfindung FeverPAIN oder Centor zu nutzen. (NICE)

In Deutschland wird die Score-gestützte Abklärung ebenfalls als hilfreiches Vorgehen beschrieben. (AWMF Leitlinienregister)

Wichtig zu wissen:

  • Ein positiver Test unterstützt die Diagnose „GAS“.

  • Ein negativer Test schließt GAS nicht in jeder Situation zu 100% aus; die Vorgehensweise hängt vom Alter, der Klinik und lokalen Standards ab (bei Kindern wird in manchen Systemen eher kulturell nachgeprüft). (CDC)


4) Therapie: Was hilft wirklich?

A) Symptomatische Behandlung (fast immer sinnvoll)

Egal ob viral oder bakteriell:

  • ausreichendes Trinken, Schonung

  • Schmerz- und Fiebersenkung (z. B. Ibuprofen oder Paracetamol – individuell passend)

  • ggf. warme Getränke, Lutschpastillen, Gurgeln (symptomatisch)NICE betont Selbstmanagement und den typischen Verlauf (meist ~1 Woche). (NICE)

B) Antibiotika – gezielt, nicht automatisch

Leitlinien zeigen: Bei akuten Halsschmerzen ist der durchschnittliche Nutzen von Antibiotika auf die Symptomdauer relativ klein (in der DEGAM-Leitlinie wird eine mittlere Symptomverkürzung von etwa 16 Stunden genannt) – gleichzeitig gibt es Nebenwirkungen. (AWMF Leitlinienregister)

Bei gesicherter GAS-Pharyngitis sind Antibiotika aber sinnvoll, weil sie:

  • die Ansteckungsfähigkeit reduzieren

  • Komplikationen (v. a. eitrige Komplikationen und – je nach Setting – rheumatisches Fieber) vermindern können (CDC)

Standardantibiotika (Beispiele nach internationaler Guidance)

  • Penicillin V oder Amoxicillin gelten als Mittel der Wahl (typischerweise 10 Tage). (CDC)Alternativen bei Penicillinallergie hängen vom Allergietyp ab (z. B. Cephalosporine bei nicht-sofortiger Reaktion, sonst Makrolid/Clindamycin – ärztlich festlegen). (CDC)

Praxis-Tipp: Wenn Antibiotika verordnet werden, dann konsequent wie verordnet einnehmen – das verbessert Eradikation und senkt das Komplikationsrisiko. (CDC)

5) Ansteckung, Schule/Arbeit und Hygiene

GAS wird vor allem über Tröpfchen übertragen. Wichtig sind:

  • Handhygiene, eigene Handtücher/Gläser

  • Husten-/Niesetikette

  • enger Kontakt reduzieren, bis es besser ist

Unter wirksamer antibiotischer Therapie sinkt die Ansteckungsfähigkeit typischerweise rasch (häufig wird „nach 24 Stunden“ als praktischer Orientierungswert genutzt; genaue Empfehlungen können regional variieren). (CDC)


6) Komplikationen: Was kann passieren – und worauf musst du achten?

A) Eitrige Komplikationen (früh)

  • Peritonsillarabszess (häufig: einseitige starke Schmerzen, „kloßige“ Sprache, Kieferklemme)

  • Otitis media, Sinusitis. Die DEGAM-Leitlinie nennt solche Komplikationen im Kontext der Nutzen-Risiko-Abwägung. (AWMF Leitlinienregister)

B) Nicht-eitrige Komplikationen (später, selten)

  • Akutes rheumatisches Fieber (regional unterschiedlich häufig)

  • Poststreptokokken-Glomerulonephritis. Diese Zusammenhänge sind in klinischen Übersichten und Guidance beschrieben. (CDC)


7) Warnzeichen: Wann solltest du sofort ärztlich abklären lassen?

Bitte zeitnah (ggf. notfallmäßig) abklären bei:

  • Atemnot, Schluckunfähigkeit, Speichel läuft aus dem Mund

  • Kieferklemme, deutliche einseitige Schwellung/Schiefhals

  • sehr hohes Fieber, stark reduzierter Allgemeinzustand

  • Ausschlag + hohes Fieber (Scharlach möglich)

  • Immunschwäche / schwere Grunderkrankungen


8) Centor/McIsaac-Kurzguide

Der Centor/McIsaac-Kurzguide ist ein klinisches Werkzeug zur Bewertung des Risikos einer Streptokokken-Pharyngitis (Mandelentzündung) bei Patienten mit Halsschmerzen, indem fünf Kriterien bewertet werden: Tonsilleneffloreszenzen (Beläge), Cervikale Lymphknoten (druckempfindlich), Fieber, Ausbleiben von Husten und das Alter des Patienten (McIsaac-Modifikation). Je höher der Score (meist 0-4 Punkte), desto wahrscheinlicher ist eine Streptokokken-Infektion, was die Entscheidung über einen Rachenabstrich und eine Antibiotikatherapie leitet. 

Kriterien des Centor/McIsaac-Scores

  • Tonsilleneffloreszenzen (Beläge auf Mandeln): 1 Punkt

  • Cervikale Lymphknoten (druckempfindliche vordere Halslymphknoten): 1 Punkt

  • Fieber (in der Anamnese >38°C): 1 Punkt

  • Ausbleiben von Husten: 1 Punkt

  • Alter (McIsaac-Modifikation): 1 Punkt für 3-14 Jahre, 0 Punkte für 15-44 Jahre, -1 Punkt für ≥ 45 Jahre (variiert leicht). 

Interpretation & Handlungsanleitung (Beispiel)

  • 0-1 Punkte: Geringes Risiko, selten Streptokokken; oft kein Abstrich nötig.

  • 2-3 Punkte: Mittleres Risiko; Rachenabstrich (Schnelltest oder Kultur) empfohlen.

  • 4 Punkte: Hohes Risiko (oft >50% Wahrscheinlichkeit); Testung und/oder empirische Therapie erwägen. 

Wichtig

  • Der Score hilft bei der Entscheidung, ob ein Test sinnvoll ist, ersetzt diesen aber nicht.

  • Er ist nur bei akuter Pharyngitis und Patienten ab ca. 3 Jahren anwendbar.


Gesundheits-Doc Empfehlung

Wenn du (oder dein Kind) starke Halsschmerzen hast:

  • Nicht raten, sondern strukturieren: Wahrscheinlichkeit über Centor/McIsaac einschätzen → dann gezielt testen. (AWMF Leitlinienregister)

  • Antibiotika nur bei guter Begründung (z. B. gesicherte GAS) – Nutzen ist real, aber nicht bei jedem Halsweh groß. (AWMF Leitlinienregister)

  • Warnzeichen ernst nehmen (Atemnot/Kieferklemme/einseitige massive Beschwerden). (AWMF Leitlinienregister)


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Quellenbox
  • DEGAM/ AWMF S3-Leitlinie Halsschmerzen (Register 053-010) – Scores, Nutzen/Risiken Antibiotika (AWMF Leitlinienregister)
  • NICE NG84: Acute sore throat – antimicrobial prescribing (FeverPAIN/Centor, Selbstmanagement, Back-up-Rx) (NICE)
  • CDC: Clinical Guidance for Group A Strep Pharyngitis (Diagnostik, Antibiotika der Wahl, Therapiedauer) (CDC)
  • NCBI Bookshelf (StatPearls): Streptococcal Pharyngitis (Klinik, Therapieoptionen) (NCBI)


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