Streptokokken-Angina: Was gilt es zu beachten?
- Gesundheits-Doc
- 10. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Halsschmerzen sind extrem häufig – und in den meisten Fällen viral bedingt. Trotzdem ist die Frage verständlich: „Sind das Streptokokken? Brauche ich Antibiotika?“ Die Antwort ist differenziert: Antibiotika helfen gezielt bei einer Gruppe-A-Streptokokken (GAS)-Infektion, aber nicht bei den meisten Erkältungshalsschmerzen. Leitlinien betonen daher: erst Wahrscheinlichkeit einschätzen, dann testen/therapieren. (AWMF Leitlinienregister)
1) Was ist eine Streptokokken-Angina?
Bei der klassischen „Streptokokken-Angina“ handelt es sich um eine Tonsillopharyngitis durch β-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A (Streptococcus pyogenes). Sie kann in jedem Alter auftreten, ist aber bei Kindern und Jugendlichen häufiger als bei Erwachsenen. (CDC)
Typische Beschwerden
akuter, starker Halsschmerz, Schluckschmerz
Fieber
gerötete, geschwollene Mandeln, teils Eiterstippchen
druckschmerzhafte Lymphknoten am Hals
eher kein Husten (Husten spricht eher für viral) (NCBI)
Aber wichtig: Das Aussehen allein ist unzuverlässig – auch Viren können „eitrig“ aussehen.
2) Wann ist es wahrscheinlich Streptokokken – und wann eher nicht?
Leitlinien empfehlen klinische Scores, um die Wahrscheinlichkeit einer GAS-Angina abzuschätzen (z. B. Centor-Score bzw. McIsaac-Score als Modifikation). (AWMF Leitlinienregister)
A) Centor/McIsaac – die typische Denklogik
Punkte gibt es u. a. für:
Fieber
kein Husten
geschwollene, schmerzhafte vordere Halslymphknoten
Tonsillenexsudat/-schwellung
(McIsaac: Alterskorrektur)
Je höher der Score, desto eher lohnt Schnelltest/Diagnostik statt „einfach so“ Antibiotika. (AWMF Leitlinienregister)
B) Zeichen, die eher für „viral“ sprechen
Husten, Schnupfen, Heiserkeit
Bindehautentzündung
Durchfall.
Dann ist GAS weniger wahrscheinlich; oft reicht symptomatische Therapie. (CDC)
3) Testen: Wann ist ein Schnelltest sinnvoll?
Bei höherer klinischer Wahrscheinlichkeit (z. B. mehrere Score-Kriterien) kann ein Schnelltest (RAT/RADT) helfen, GAS nachzuweisen. NICE empfiehlt, zur Entscheidungsfindung FeverPAIN oder Centor zu nutzen. (NICE)
In Deutschland wird die Score-gestützte Abklärung ebenfalls als hilfreiches Vorgehen beschrieben. (AWMF Leitlinienregister)
Wichtig zu wissen:
Ein positiver Test unterstützt die Diagnose „GAS“.
Ein negativer Test schließt GAS nicht in jeder Situation zu 100% aus; die Vorgehensweise hängt vom Alter, der Klinik und lokalen Standards ab (bei Kindern wird in manchen Systemen eher kulturell nachgeprüft). (CDC)
4) Therapie: Was hilft wirklich?
A) Symptomatische Behandlung (fast immer sinnvoll)
Egal ob viral oder bakteriell:
ausreichendes Trinken, Schonung
Schmerz- und Fiebersenkung (z. B. Ibuprofen oder Paracetamol – individuell passend)
ggf. warme Getränke, Lutschpastillen, Gurgeln (symptomatisch)NICE betont Selbstmanagement und den typischen Verlauf (meist ~1 Woche). (NICE)
B) Antibiotika – gezielt, nicht automatisch
Leitlinien zeigen: Bei akuten Halsschmerzen ist der durchschnittliche Nutzen von Antibiotika auf die Symptomdauer relativ klein (in der DEGAM-Leitlinie wird eine mittlere Symptomverkürzung von etwa 16 Stunden genannt) – gleichzeitig gibt es Nebenwirkungen. (AWMF Leitlinienregister)
Bei gesicherter GAS-Pharyngitis sind Antibiotika aber sinnvoll, weil sie:
die Ansteckungsfähigkeit reduzieren
Komplikationen (v. a. eitrige Komplikationen und – je nach Setting – rheumatisches Fieber) vermindern können (CDC)
Standardantibiotika (Beispiele nach internationaler Guidance)
Praxis-Tipp: Wenn Antibiotika verordnet werden, dann konsequent wie verordnet einnehmen – das verbessert Eradikation und senkt das Komplikationsrisiko. (CDC)
5) Ansteckung, Schule/Arbeit und Hygiene
GAS wird vor allem über Tröpfchen übertragen. Wichtig sind:
Handhygiene, eigene Handtücher/Gläser
Husten-/Niesetikette
enger Kontakt reduzieren, bis es besser ist
Unter wirksamer antibiotischer Therapie sinkt die Ansteckungsfähigkeit typischerweise rasch (häufig wird „nach 24 Stunden“ als praktischer Orientierungswert genutzt; genaue Empfehlungen können regional variieren). (CDC)
6) Komplikationen: Was kann passieren – und worauf musst du achten?
A) Eitrige Komplikationen (früh)
Peritonsillarabszess (häufig: einseitige starke Schmerzen, „kloßige“ Sprache, Kieferklemme)
Otitis media, Sinusitis. Die DEGAM-Leitlinie nennt solche Komplikationen im Kontext der Nutzen-Risiko-Abwägung. (AWMF Leitlinienregister)
B) Nicht-eitrige Komplikationen (später, selten)
Akutes rheumatisches Fieber (regional unterschiedlich häufig)
Poststreptokokken-Glomerulonephritis. Diese Zusammenhänge sind in klinischen Übersichten und Guidance beschrieben. (CDC)
7) Warnzeichen: Wann solltest du sofort ärztlich abklären lassen?
Bitte zeitnah (ggf. notfallmäßig) abklären bei:
Atemnot, Schluckunfähigkeit, Speichel läuft aus dem Mund
Kieferklemme, deutliche einseitige Schwellung/Schiefhals
sehr hohes Fieber, stark reduzierter Allgemeinzustand
Ausschlag + hohes Fieber (Scharlach möglich)
Immunschwäche / schwere Grunderkrankungen
8) Centor/McIsaac-Kurzguide
Der Centor/McIsaac-Kurzguide ist ein klinisches Werkzeug zur Bewertung des Risikos einer Streptokokken-Pharyngitis (Mandelentzündung) bei Patienten mit Halsschmerzen, indem fünf Kriterien bewertet werden: Tonsilleneffloreszenzen (Beläge), Cervikale Lymphknoten (druckempfindlich), Fieber, Ausbleiben von Husten und das Alter des Patienten (McIsaac-Modifikation). Je höher der Score (meist 0-4 Punkte), desto wahrscheinlicher ist eine Streptokokken-Infektion, was die Entscheidung über einen Rachenabstrich und eine Antibiotikatherapie leitet.
Kriterien des Centor/McIsaac-Scores
Tonsilleneffloreszenzen (Beläge auf Mandeln): 1 Punkt
Cervikale Lymphknoten (druckempfindliche vordere Halslymphknoten): 1 Punkt
Fieber (in der Anamnese >38°C): 1 Punkt
Ausbleiben von Husten: 1 Punkt
Alter (McIsaac-Modifikation): 1 Punkt für 3-14 Jahre, 0 Punkte für 15-44 Jahre, -1 Punkt für ≥ 45 Jahre (variiert leicht).
Interpretation & Handlungsanleitung (Beispiel)
0-1 Punkte: Geringes Risiko, selten Streptokokken; oft kein Abstrich nötig.
2-3 Punkte: Mittleres Risiko; Rachenabstrich (Schnelltest oder Kultur) empfohlen.
4 Punkte: Hohes Risiko (oft >50% Wahrscheinlichkeit); Testung und/oder empirische Therapie erwägen.
Wichtig
Der Score hilft bei der Entscheidung, ob ein Test sinnvoll ist, ersetzt diesen aber nicht.
Er ist nur bei akuter Pharyngitis und Patienten ab ca. 3 Jahren anwendbar.
Gesundheits-Doc Empfehlung
Wenn du (oder dein Kind) starke Halsschmerzen hast:
Nicht raten, sondern strukturieren: Wahrscheinlichkeit über Centor/McIsaac einschätzen → dann gezielt testen. (AWMF Leitlinienregister)
Antibiotika nur bei guter Begründung (z. B. gesicherte GAS) – Nutzen ist real, aber nicht bei jedem Halsweh groß. (AWMF Leitlinienregister)
Warnzeichen ernst nehmen (Atemnot/Kieferklemme/einseitige massive Beschwerden). (AWMF Leitlinienregister)
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Quellenbox
DEGAM/ AWMF S3-Leitlinie Halsschmerzen (Register 053-010) – Scores, Nutzen/Risiken Antibiotika (AWMF Leitlinienregister)
NICE NG84: Acute sore throat – antimicrobial prescribing (FeverPAIN/Centor, Selbstmanagement, Back-up-Rx) (NICE)
CDC: Clinical Guidance for Group A Strep Pharyngitis (Diagnostik, Antibiotika der Wahl, Therapiedauer) (CDC)
NCBI Bookshelf (StatPearls): Streptococcal Pharyngitis (Klinik, Therapieoptionen) (NCBI)






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